Monat: Oktober 2014

Wie das Leben so läuft.

In: 8:15

Ich hatte heute einen Kurs in dem es darum ging, richtige CVs zu schreiben. Jeder musste einen CV und einen Cover Letter schreiben. Wir bekamen 10 Minuten um durch einen Stapel aller unserer CV und noch ein paar Extra-CV durchzuschauen. Das waren so etwa 15 Stück. Danach sollten wir eine Person aussuchen, die wir zu einem Interview einladen würden. Das ganze war anonoymisiert und ohne Foto.

Zunächst war ich erschüttert. All die Leute hatten so viele Publikationen. Vier, fünf Stück, als PhD-Student! Und ich habe nur einen kläglichen Review aus Mastertagen. Und tausende Awards und Stipends und wasweißich. Dann sah ich genauer hin.

Eine Person hatte jegliches Kellnern in verschiedenen Restaurants im Lebenslauf. Die Awards waren teilweise Reisestipendien zu Konferenzen, so etwas habe ich auch mal gemacht. Das ist ein Award? Öhm, okay. Manche CVs hatten fast Fließtext. Ganze Paragraphen über Forschungsprojekte! Andere hatten „Interests“ gelistet: Hobbys wie Skifahren.

Als ich zum dritten Mal durch den Stapel ging, wählte ich den kürzesten, am klarsten strukturiertesten CV aus.

Ich war ein bisschen stolz dass mein CV zusammen mit dem, den ich gewählt hatte, am häufigsten gewählt wurde. Gefallen hatte den Kursteilnehmern die Einfachheit und die Struktur. Nicht minder begeistert kam ich zurück zu meiner Arbeitsgruppe. Unser frischgebackener PostDoc versucht sich da momentan zu bewerben und machte einen Selbsteinschätzungsfragebogen an dem er ziemlich verzweifelte. Schließlich fragte er mich: „Das mir doch mal was du über mich denkst.“

Nachdem wir ein bisschen herumgeblödelt hatten sagte ich relativ klar, welchen Eindruck ich von ihm hatte. Positives, Negatives, Eindrücke die nicht der Realität entsprachen – ohne anzugreifen, ohne zu loben. Erst während ich ihm das so erzählte, fiel mir auf, welches Vertrauen er mir da eigentlich erwies. Er wollte meine Meinung. Nachdem ich das begriffen hatte, zog ich ihn damit natürlich auf.

Ich schlug vor, das wir das mal in größerer Runde anonym zu machen. Zettelchen mit Adjektiven vorbereiten und den Leuten in einen Becher werfen.

Ich sagte ja schon: Deine Kollegen kennen dich am Besten.

Out: 19:15

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Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.

In: 9:15

Ich habe ein neues Verhältnis zur Zeit entwickelt. Ja, es ist gerade alles sehr stressig. Ich habe viel zu tun, meine To Do Liste ist lang, die Taktung hoch.

Aber auf eine gewisse Art und Weise habe ich Zeit.

Normalerweise bin ich viel unterwegs. Es gab Jahre, da war ich fast jeden Wochenende in einer anderen Stadt. die letzten zwei Jahre war das nicht mehr so, aber auch dann waren die Wochenenden meistens schon Wochen vorher ausgefüllt mit Veranstaltungen jeglicher Art. Unter der Woche stand dann viel Sport an, der Chor, andere Erledigungen… irgendetwas war immer und meine Woche war gut gefüllt. Eine Weile lang war das auch zuviel. Jeden abends was anderes, mal hier, mal dort, das ganze Wochenende dann weg, zwischendrin noch Kontakt halten mit Familie und Freunden. Dafür wurde jeder Funken Freizeit genutzt – und das war jetzt auch damals schon nicht so viel. Denn ich habe das Privatleben um meine Arbeit herumgebaut.

Man zieht mich gerne damit auf dass ich kaum Filme kenne. Fakt ist: ich hatte selten Zeit für Filme. Ich nehme mir lieber Zeit für Menschen als für Filme.

Jetzt aber…

Ich habe den meisten Leuten gesagt: „Ich bin jetzt weg. Wenn ihr mich sehen wollt, treffen wir uns zum Mittagessen. Ansonsten sehen wir uns im Januar.“ Wirklich erreichbar – also wirklich, mit „ich schenke dir meine ungeteilte Aufmerksamkeit“ – habe ich für wenige.

Ich komme also abends nach Hause und niemand will etwas von mir. Es ist eh schon zehn, elf, es ist dunkel. Ich stelle mir Serien an, oder Dokus, und lümmel auf der Couch. Wenn mir nichts einfällt was ich schauen kann, schaue ich eine Folge QI, das ist immer gut.

Ich habe Zeit. Ich muss nichts erledigen, weil ich nichts mehr tue was Erledigungen benötigt. Weil ich zu müde bin etwas anderes, etwas sinnvolleres zu tun.

Es ist unglaublich langweilig und ein bisschen einsam.

Aber auf eine gewisse Art und Weise tut es gut.

Out: 21:45

Der Titel ist ein Zitat aus Michael Endes „Momo“.

LoslasZen

In: 9:30

Zum ersten Mal seit über einem Jahr war ich wieder beim Yoga. Ich bin abolut kein Freund von Eso-Kram – und Yoga ist da wirklich sehr, sehr nah dran – aber es ist super. Ich meine damit natürlich auch nur die Meditations-, Kraft- und Dehnungsübungen. Denn im Gegensatz zu dem wie es aussieht ist Yoga keine Beckenbodengymnastik für Frauen in der Menopause sondern wirklich und tatsächlich Sport. Mit lustigen Lebensweisheiten dazwischen.

Als ich vor 4 Jahren nach lange Verletzungspause wieder begann, Sport zu machen, begann ich mit Pilates. Weil eine Kollegin das machte. Aber dämlich auf der Stelle hin und her irgendwelche Übungen machen wurde mir schnell zu langweilig. Gleichzeitig zog ich mir aber erneut eine Verletzung zu. In meinem Chor erzählte ich davon und mir wurde Yoga empfohlen, weil eine meiner Mitsängerinnen Yogalehrerin ist. Yoga ist natürlich noch langweiliger, aber es ist nicht so sinnfrei. Weil man die Veränderungen im eigenen Körper spüren soll und tatsächlich spürt. Weil es um Achtsamkeit auf sich selbst geht.

Diese erste Yogastunde war tatsächlich eine Erleuchtung. Ich kam in diesen Raum, mit dickem Flokati ausgelegt. Jeder bekam eine dicke, wollige Matte, ein Kissen und eine Decke. Es brannten Kerzen, Bilder von indischen Gottheiten hingen an den Wänden. Zum Beginn schlug die Yogalehrerin einen Gong. Wir begannen mit der „Anfangsentspannung“. Anfangsentspannung – ich wusste das war ein Sport für mich. Während dieser Sportstunde las die Lehrerin auch immer aus heiligen Texten vor, zum Schluss der Stunde sang sie dann auch noch. Das war alles irgendwie absurd, aber die Veränderungen die die 90 min in mir auslösten waren enorm.

Ich erwähnte schon das Wort „Achtsamkeit“. Es gibt auch Achtsamkeitsmeditation, die hat das gleiche Ziel. Es geht darum den eigenen Körper wahrzunehmen, zu erkennen wo Probleme sind. Und ihm Zeit zu geben. Es gibt Übungen in denen bin ich furchtbar schlecht. Wenn sie mit Balance zu tun haben zum Beispiel. Da merke ich auch sofort, dass die linke Seite schlechter ist als die rechte. Es geht aber nie darum, dass die Übung klappt. Sondern dass man sie versucht und schaut, wie weit man kommt. Das nimmt einem den Druck.

Ich bin schon lange nicht mehr in der Kuschelecke der Yogalehrerin aus dem Chor gewesen. Der Kurs ist zu teuer und von der Uni gibt es einen ähnlichen. Bei diesem habe ich aber zugunsten anderer Sportkurse für über ein Jahr pausiert. Er findet in einem Multifunktionsraum statt. Es brennen keine Kerzen, der Boden ist aus Laminat, die Matten sind dünn. Es ist irgendwie steril. Aber es geht genausogut. Denn man fokussiert sich ja auch sich selbst. Und wenn man sich auf das Außen fokussiert, dann fokussiert man immer auf sich selbst in diesem Außen.

Die Lehrerin kam nach der Stunde auf mich zu und meinte: „Du hast so toll wieder reingefunden. Hast du zu Hause auch Übungen gemacht?“

Hatte ich eigentlich nicht.

Aber man kommt halt wieder ein bisschen bei sich selbst an.

Out: 16:30

Platzhirsche

In 10:00

In dem kleinen Büroräumchen in dem ich mir vor nichtmal 6 Wochen einen Schreibplatz ergattert habe, arbeiten 7 Leute. Es ist, arbeitshygienisch so unangenehm wie nur möglich gestaltet, mit den PCs an der Wand und dem Rücken zu den Kollegen. Gleichzeitig öffnet sich die Tür sehr geräuschvoll weil sie zu eng über dem Teppichboden liegt. Dann ist hier auch noch der Schrank, in dem alle ihre Wasserflaschen aufbewahren, das heißt, ca 20 Leute kommen hier in 10-20 Minuten Abständen rein um etwas zu trinken. Die Schreibplätze gehören den verschiedenen Abteilungen auf dem Stockwerk. 2 der Abteilung A, 2 der Abteilung B, 2 der Abteilung C und einer uns.

Der Chef von Abteilung A kommt jeden morgen herein und hängt seine Jacke über den Stuhl eines der beiden Arbeitsplätze, welcher derzeit unbelegt ist. Dann geht er wieder. Abends kommt er wieder herein, nimmt sich seine Jacke und geht.

Die neue Doktorandin von B wurde direkt an einen Computer gesetzt der aber A gehört. Weil das ja nicht geht wurde sie an den Computer des Bufdis gesetzt, weil der ja gekündigt hatte. Der Bufdi saß danach an dem nie-besetzten Computer von C, einem Mac, den nur Leute mit Mac-Account verwenden können. Er sagte dazu nie etwas und mittlerweile ist er ja auch schon wieder weg.

Dieser Mac war lange Zeit Ablageplatz aller anderen. Er ist direkt neben meinem Platz mit unserem Computer. Heute früh fand ich den gesamten Müll von diesem Mac-Platz auf meinem Platz wieder. Außerdem kam der Chef von Abteilung C direkt an und echauffierte sich, ich würde an einem Platz von Abteilung C sitzen. Ich erklärte, dass ich eh nicht mehr lange da sein würde und doch eh nie jemand am Mac sitzen würde. Aber anscheinend hat Chef C nun mehr Praktikanten eingestellt als es Arbeitsplätze gibt.

Es kam schließlich heraus, dass mein Computer am falschen Platz steht und ich eigentlich an den Platz des Bufdis gehen müsste. Demnächst wird in der Besprechung der Laborleiter besprochen, wer wo sitzen darf.

Ich nehme dann mal demnächst mein Handtuch mit.

Out: 23:00

Fott domet.

In: 11:04

Während ich in dem behaglichen, Multikulti-Heidelberg saß und FACS-Diagramme erstellte, während ich mein sonntägliches Fahrradründchen drehte, da versammelten sich rechtes Pack in meinem Köln um gegen salafistisches Pack zu demonstrieren. Es scheint der größte Naziaufmarsch bisher zu sein, der ausgerechnet in Köln stattfand, die Stadt die ich immer als so weltoffen erlebt habe. Die Medien berichten noch immer von „Hooligans“, obwohl weit und breit kein Fußballspiel zu sehen war. Und man fragt sich, woher dieser Hass kommt.

Darin sind sich die Salafisten und die Nazis ähnlich. Sie hassen alles, was neu ist. Sie sind nicht konservativ, also bewahrend, die wollen mit Gewalt zurück zu alten Systemen. Es ist die Suche zurück zu klaren Regeln in einer lauteren, schnelleren und verwirrenderen Welt. Es ist der Glaube, man könne mir Gewalt die Zeit zurück drehen.

Tempus fugit. Ewiggestrige, die gegen die Zeit, gegen den Wandel ankämpfen, natürlich sind sie von Hass erfüllt. Und er war immer da. Doch es ist lange gelungen, die Stimmen des Hasses leise, seinen Einfluss gering zu halten. Doch ich befürchte, die Stimmen werden lauter, der Einfluss wird größer. Wir wissen ja nun auch, dass es lange Zeit unterschwellig schwelte. Schlimmer noch: An den Erfolgen der AfD erkennt man, wie gesellschaftlich anerkannt manche der Thesen der Extremisten sind.

Wäre ich heute in Köln gewesen, ich hätte mich den Gegendemonstranten angeschlossen. Auch wenn ich dem gleichen Stress ausgesetzt gewesen wäre. Das ist mein Köln, das mich einst so liebevoll empfangen hat, als ich selbst fremd war. Das bin ich ihr schuldig.

Out: 16:25

Disclaimer: Es gibt hier sicherlich mehr zu schreiben. Das Thema ist ist riesig. Aber ich bin einfach nur schockiert und wollte das zum Ausdruck bringen.

10:00

Heute war wieder Rudern. Unsere Trainerin hatte uns letzte Woche gebeten, bitter vereits um 10 Uhr umgezogen anwesend zu sein. Wer zu spät ankommt, solle bitte einen Kuchen backen. Da ich sowieso direkt in Sportklamotten ankomme stieg ich genau um 10:00 von meinem Rad. Wir verteilten die Boote und los ging’s.

Ich mag Rudern. Ich mag die komplexe, sich immer wiederholende Bewegung. Ich mag die Eintönigkeit. Ich mag den Blick vom Neckar hinauf zu Schloss. Interessanterweise macht mich Rudern ein bisschen zu einem anderen Menschen. Ich saß diesmal sehr lange am Steuer weil ich mir mal wieder ein paar Anfänger eingefangen hatte. Ich kenne mich mittlerweile so gut aus mit allen Abläufen, dass ich es mir zutraue, zu kommandieren und zu korrigieren. Es gibt beim Rudern sehr klare Kommandos: „In die Auslage! Blätter stecken! Ruder ab!“ „Bereit machen zur Wende über Back! Und ab!“ „Fertigmeldung aus dem Bug!“ Ich habe dabei einen ganz anderen Ton drauf als sonst und ich behalte diesen bei. „Gerade sitzen! Steu-Skull nicht stricken.“ Ich weise auch die Neulinge zurecht: „Du da, lass dich nicht erwischen wenn du zwischen den Auslegern gehst!“ Das ganze fühlt sich für mich irgendwie fremd an, aber auch richtig. Ich weiß sehr genau was ich warum sage und ich sage es klar und deutlich. Und ein Ort an dem lauter Laien-Ruderer herumwuseln geben klare Anweisungen Struktur. Am Ende war ich zusammen mit einer anderen jungen Frau mit dafür verantwortlich, dass die Boote schnell und ordentlich verladen wurden. Das ist sonst immer ziemlich stressig, weil niemand Initiative ergreift. Aber ich war heute so schön drin, ich machte gleich weiter. „Boot geht hoch, aus den Böcken raus. Wasserseite geht hoch!“

Als alle Boote verräumt waren, fragte mich die Trainerin wer denn nun zu spät gekommen sei. Etwas kleinlaut antwortete ich, dass es genau 10 gewesen sei, als ich ankam. Sie fragte mich um ich umgezogen gewesen sei und ich meinte nur, dass ich immer in Sportkleidung komme. Sie zuckte mit dem Schultern und beließ es dabei. Es gibt da aber so  einen Prinzipienreiter. Der kam extra nochmal auf mich zu. Seine Funkuhr würde ja nun richtig gehen und demnach sei ich zu spät gekommen.

Nein, ehrlich gesagt geht mir das am Arsch vorbei. Ich habe nicht die geringste Lust mich mit der Thematik auseinander zu setzen. Argumentativ ist das eh nicht zu leisten, denn ich habe natürlich keinen Screenshot gemacht um zu beweisen dass ich um 10:00 da war. Ich könnte vielleicht die Tracking Daten von Google vorhalten, aber das wäre es mir gar nicht wert. Ich habe auch ganz generell keim Problem damit, etwas zu backen. Das ist bei mir kein Aufwand. Mich kotzt nur diese Prinzipienreiterei an. Mich kotzt dieser drohende Zeigefinger an. Auf Englisch sagt man „Cut me some slack!“ Das bedeutet so in etwa: „Lass doch mal Fünfe gerade sein.“

Ich schloss also für einen Moment die Augen, atmete tief durch und sagte: „Weißt du, es gibt Wichtigeres auf der Welt.“

(Ver)führung

Mit ein Grund weshalb viele Strukturen der Wissenschaft nicht so recht funktionieren liegt an den Führungspositionen. Das ist jetzt erstmal nichts gegen die Wissenschaftler an sich. Die Principal Investigators, PIs, haben ihre Jobs aufgrund von toller wissenschaftlicher Arbeit als phD und Postdoc bekommen. Das kann sehr wohl heißen, dass sie genial sind. Auf ihrem Themengebiet kennen sie sich prima aus. Nun, als PI, bekommen sie Technische Assistenten, Doktoranden und eigene PostDocs beiseite gestellt um ihre eigenen Forschungsprojekte zu verwirklichen.

Das ist sehr, sehr, sehr viel Arbeit. Zum einen muss man noch und nöcher Anträge schreiben, um Gelder zu bekommen. Dann muss man sehr viel networken. Kooperationen sind der Schlüssel zu vielen weiteren Publikationen und diese wiederum sind nötig für eine baldige Habilitation und eine Professur. Hinzu kommen noch diverse Meetings, Seminare, Retreats, Konferenzen. Und dann muss man diese ganzen phD-Studenten und PostDocs noch irgendwie anleiten, die da für einen arbeiten.

Das benötigt ein hohes Maß an Struktur. Es benötigt ein hohes Maß an Stressresiszenz. Und es benötigt eine Führungspersönlichkeit. Ein kurzes Googlen sagt mir, als  Führungspersönlichkeit sollte man Verantwortung übernehmen können und kritikfähig sein. Man sollte aber auch selbstsicher und ehrgeizig sein. Das Problem ist: In der Forschung muss man lernen Kritik zu ignorieren und man muss sich selbst immer wieder als „der Beste“ darstellen um Gelder zu kassieren. Wir wollen das so, wenn diese Leute sollen möglichst viel publizieren und möglichst viele Gelder ranziehen. Denn wenn jemand sagt „es könnte sein das“ und „es wäre möglich“, dann kriegt er keinen Zuschlag.

Wir züchten uns diese reflexionsunfähigen Menschen selbst heran. Wir ernten was wir säten.

A PhD is what happens while you’re busy making plans

Ich muss einen Project Plan erstellen. Um noch ein paar Monate Zeit rauszuschlagen muss ich überzeugen, dass das, was ich noch tun will, wichtig und sinnvoll ist. Dazu gehören Milestones. Meilensteine.

Ganz am Anfang habe ich einen Kurs gemacht: Project Management Tailored for phD Thesis. Wir sollten uns beibringen unsere Projekte zu koordinieren, zu planen, uns Ziele zu setzen. Für die nächste Woche, den nächsten Monat, die nächsten drei Monate und die gesamte phD-These. Dazu bekamen wir lustige Post-It-Zettelchen, bunte Stifte und Textmarker. Eine Bastelstunde für Große.

Ich glaube nicht, dass eine Doktorarbeit in die Grundform einer Projektplanung passt. Nicht in der Naturwissenschaft. Zeiträume sind sehr unabsehbar. Ich sitze an einer Methode, die mache ich schon seit fast einem Jahr. Hätte ich vorher darüber nachgedacht, wie lange es dauern würde hätte ich 2-3 Monate veranschlagt, noch einen zur Sicherheit drauf gerechnet… und gut ist. Hinzu kommt noch die Verfügbarkeit von Geräten. Wenn das Confocal kaputt ist, ist es kaputte. Dann weiß niemand wann es wieder funktioniert und an einem anderen Mikroskop sollte man tunlichst nicht arbeiten, denn nur winzige Abweichungen können das Ergebnis verändern. Manchmal geht auch einfach so etwas daneben. Da hat man 8 Tage lang an einem Versuch gearbeitet und wenn man die Proben zur Auswertungsmaschine bringt, stolpert man und sie sind unwiederbringlich verloren. Auch schon passiert.

Dann kommen plötzliche Ereignisse hinzu. Dann muss man plötzlich alles über den Haufen schmeißen. Dieses Jahr habe ich zum Beispiel erst eine Woche vorher erfahren, dass ich zu einem Retreat fahren soll. Jetzt soll ich bitte noch ein neues Poster für eine Konferenz machen und Dienstag ist Seminar und Donnerstag ist ein Kurs und die Woche darauf auch. Uff.

Es ist nicht so als würde ich nicht planen. Ich habe einen Tischkalender, da steht alles drin. Genaue Uhrzeiten, wann was zu tun ist. Das plane ich wenn ich das Experiment plane, da sich meine Experimente über mehrere Wochen erstrecken. Allerdings neigt man dann dazu, Auswertungen aufzuschieben. Die macht man dann abends irgendwann oder am Wochenende, wenn Ruhe ist.

Das wichtigste wären eigentlich feste Punkte gewesen, an denen man die Ergebnisse reflektiert. Das muss ein richtiger Termin sein. Und von da ab muss man wieder neu entscheiden was man tut.

Naja, Learning by Doing.

Eine Frage des Blickwinkels

Als ich heute zur Koordinatorin der Graduate School ging, traf ich einen Kommilitonen vor der Tür. Er fragte mich, ob ich auch zu ihr wolle und ich sagte ja, ich hätte einiges zu klären, er könne ruhig vorgehen.

„Um was geht’s denn?“, fragte er.

„Naja, ich muss jetzt Knall auf Fall promovieren und ich möchte ein bisschen Zeit aushandeln.“

Er sah mich verwirrt an. „Aber das ist doch gut, oder nicht?“

Ja, man hat als Doktorand meistens die Wahl zwischen einem Ende mit Schrecken und einem Schrecken ohne Ende. Nach 2-3 Jahren Laborarbeit ist man so erfahren und routiniert wie so mancher PostDoc, kostet aber nur die Hälfte. Da wird man dann geködert, „das Paper muss noch fertig werden“, „mit dem tollen Experiment wird das eine ganz tolle Arbeit“ oder „du kannst ja nebenbei schon etwas schreiben“. Dann arbeitet man 4-5 Jahre für ein Doktorandengehalt mit den Doktorandenarbeitszeiten, nur damit man endlich, endlich schreiben darf.

Oder es ist halt ganz plötzlich vorbei.

Vorhin kam mir mein Mitbewohner, entgegen, Schal um den Hals, Teetasse in der Hand. „Ich bin seit 2 Tagen krankgeschrieben. Morgen bleib ich auch noch zu Hause.“ Mit dem berüchtigten  Männerschnupfen liegt er darnieder.

Ich habe die letzten 3,5 Jahre nur dann gefehlt, wenn ich Fieber hatte. Das ist nicht sonderlich klug, wenn sich PostDocs und phD-Studenten untereinander Erkältungen weitergeben. Aber Experimente laufen halt, man kann sie nicht einfach wegstellen und wann anders machen. Und man quält sich dann da durch.

Denken Doktoranden zu wenig an sich selbst? Und wer denkt denn dann an die Doktoranden? Ist das pure Loyalität, dem Chef, der Forschung gegenüber? Was treibt einen dazu? Ist es nur eine ritualisierte Feuertaufe? Und was um alles in der Welt bezwecken wir damit?

Vielleicht weiß ich es ja, wenn ich das Ziel erreicht habe. Vielleicht ergibt dass dann alles Sinn. So im Rückblick.

Bildungsenthalpie

Ich bin mal wieder genervt. Zum einen hab ich heute meinen Yoga.Kurs verpasst, weil ich dachte der ginge erst um 19.45 los und das zu spät gemerkt habe, zum anderen geht bei mir momentan natürlich jeder auf dünnem Eis. Es ist quasi kaum möglich, mit mir in einem Raum zu sein ohne dass ich davon genervt bin. Aber ich kann an mich halten, wenn man mich einfach in Frieden lässt. Einjeder hat ja normalerweise gelernt das einigermaßen zu kontrollieren.

Am abend habe ich eine wichtige Färbung versemmelt. Ich habe ein fremdes Protokoll benutzt, welches an einer Stelle doppeldeutig war. Ich erklärte Kollegin 1 was das Problem war, in einem schneidenden Tonfall (auch objektiv, ich hab nachgefragt) unterbrach mich Kollegin 2, dass es doch bekannt sei dass es so ist und dass es in IHREM Protokoll anders stünde. Kollegin 2 ist noch nicht lange bei uns. Das mag dazu beigetragen haben, weil ich mich mit den anderen Kollegen schon aneinander abgerieben habe. Ich hab dann einfach das Gespräch abgebrochen. Gar nichts mehr gesagt, bin gegangen. Es wäre überzogen gewesen, das zu sagen, was ich hätte sagen wollen. Ich hätte sagen wollen, dass mir dieser Tonfall gegen den Strich geht (ganz ehrlich hätte ich ihr für einen Moment gerne was ganz anderes gesagt, aus der tiefsten Dunkelheit meiner diabolischen Seele). Hätte ich das in dem Moment sachlich und nicht emotional sagen können, hätte ich das auch getan.

Der Grat zwischen „funktionieren“ und „fühlen“ ist schmal. Es ist einfacher, auf einer der beiden Seiten zu gehen. Vom einen zum anderen umschalten benötigt kaum Aktivierungsenergie. Die Rückreaktion wiederum ist schwierig. Das Gleichgewicht fehlt.

Wirklich zu dumm dass ich den Yogakurs verpasst habe.