Monat: Januar 2015

Weil jedes Leben zählt

Mit den neuen Tests ist es einfacher, genetische Krankheiten bereits vor der Geburt zu diagnostizieren. Das stand so heute im Internet.

Wir reden von Töten, wir reden von ungewollten Kindern. Während wir aber verächtlich auf jene blicken, die einen Embryo oder einen Fötus mit Behinderung haben abtreiben lassen schauen wir genauso verächtlich auf jene Kinder, die blieben. Und auf ihre Eltern.

Wir haben keine Inklusion. Wir schieben Menschen mit Behinderung ab, wir sondern sie aus. Überall wird ihnen das Leben schwer gemacht. Ob das nun nicht Behinderten-gerechte Straßenbahnen sind oder Touchscreenautomaten die Blinde nicht bedienen können. Gerade erst haben wir bemerkt dass das falsch ist und gerade erst haben wir begonnen etwas zu ändern.

Ich saß in einer Klasse mit einem Mädchen im Rollstuhl. Sie war/ist sehr nett. Ich habe als ihre Banknachbarin und lange auch Freundin viel von ihrem Leben mitbekommen. Ich weiß, dass sie Tena Lady benutzt hat, wenn der Schultag lang war. Dass sie ihre Hüft-OP auf die Klassenfahrt gelegt hat. Dass sie in Freistunden nicht „mal eben“ dahin konnte wohin sie wollte, weil überall Treppen, Türen, $Hürden waren. Wir hatten keinen Aufzug zu den Fachräumen und mussten sie dort hochtragen. Das sollte ja wohl kein Problem sein? Versetzt euch da einmal in ihre Lage, bitte.

Mein Cousin hat das Down-Syndrom. Er ist ein liebenswerter, toller Mensch. Ich habe ihn sehr gern. Als seine Mutter ihn gebar, hetzte ihr Schwiegervater gegen sie, es sei ihre Schuld. Ihr Mann sagte zu mir mal – in einem anderen Zusammenhang – „Wo kommen wir denn hin, wenn wir unsere eigenen Kinder töten?“. Ja, wo kommen wir dann hin? Und das sagt er, nach über 30 Jahren mit einem Kind mit Behinderung. Während seine jüngeren Geschwister aus dem Haus sind, studieren, die Welt bereisen, braucht mein Cousin dieselbe Zuwendung wie als er fünf war. Und die wird er weiterhin brauchen. Jeden. Einzelnen. Tag.

Denkt da jemand dran? Wer hilft da? Was ist mit dem Leben der Eltern? Was mit dem der Geschwister? Ja, das ist eine provokante Frage. Jeder muss sie für sich selbst beantworten. Mein Onkel und meine Tante haben das bereits.

Vor ca 35 Jahren las meine Mutter eine Anzeige in der Zeitung. „Mutter mit behindertem Kind sucht Freundin.“ Oder so. Sie schrieb die Anzeige, weil sie 24 Stunden am Tag mit der Pflege des Kindes beschäftigt war und keine Zeit hatte andere Mütter kennenzulernen. Meine Mutter beantwortete die Anfrage. Sie sind bis heute gut befreundet. Der Sohn dieser Freundin liegt nur da. Und schreit. Ich weiß nicht genau was er hat. Und nachdem sich diese Freundin endlich von ihrem schlagenden Mann getrennt hat ist sie nun alleinerziehend. Mit drei Söhnen, zwei aus dem Haus, einer wird für immer bleiben. Wer hilft ihr denn?

Ich finde es heuchlerisch, auf Eltern zu hetzen die ein Kind mit Behinderung abgetrieben haben, wenn wir keine Gesellschaft sind die Menschen mit Behinderungen und deren Eltern willkommen heißt.

Kinder mit Behinderungen sind nicht nur die drolligen kleinen Knubbel. Sie brauchen Liebe, sie brauchen Pflege. Sie brauchen Aufopferung. Sie werden mehr als andere Kinder im Krankenhaus sein, mehr als andere Kinder der Missgunst anderer ausgesetzt sein, mehr Probleme haben in allen Bereichen.

Wir könnten da sehr einfach viel ändern.

Wir sollten damit anfangen, nicht zu urteilen.

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We can rule you wholesale

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der die Welt besser begreift als Sir Terry Pratchett. Gottseidank wurde er Autor und nicht Staatsmann – die Welt wäre erneut unter britischer Kolonialherrschaft*.

Ich hörte heute durch einen Zufall erneut die Nationalhymne von Ankh-Morpork, die da heißt:

„We own all your helmets, we own all your shoes
We own all your generals – touch us and you’ll lose.“

Ich musste dann doch sehr stark an die Waffenlieferungen denken. Oder daran, wie die USA selbst im mittleren Osten Kriege finanzierten und sich den Terror selbst erschufen. In einer gewissen Weise spielt er diese ewigen Konflikte zweier unversöhnlicher Seiten immer wieder neu zwischen Zwergen und Trollen aus – die selbst nicht mehr wissen wer den Konflikt anzettelte und sich gegenseitig in einen Hinterhalt lockten.

Pratchett nimmt auch immer wieder Bezug auf Rassismus, den er allerdings als Speziezismus bezeichnet. Neben dem Troll-Zwerg-Konflikt gibt es Angst vor den Golems, die den Leuten die Arbeit weggenehmen würden, die Vampire und Werwölfe, die herumlaufen wie „richtige Menschen“ („They walk around like real people!“).

Kulturelle Konflikte werden in Ankh-Morpork meistens über die Zwerge vermittelt. Während die „Deep Downer“ lieber unter der Stadt in Minen und Schächten bleiben gibt es plötzlich moderne Zwerge die sich an die Kultur in Ankh-Morpork anpassen. Und es gibt sogar Zwerginnen! Die Zwerge, die zuvor eine Kultur lebten in der das Geschlecht privat war, sehen sich auf einmal Weiblichkeit ausgesetzt.

Oh. Und natürlich Feminismus. Während in Monstrous Regiment Frauen versteckt an der Front kämpfen zeichnet sich in diversen Büchern (Equal Rites, Making Money) ein mehr oder weniger subtiler Feminismus ab. Überhaupt hat Pratchett ein Faible für starke Frauenfiguren, wie sich an den Hexen-Romanen gut zeigen lässt, in denen Hexen überall ihre Nase reinstecken. Im Grunde sind es aber immer Frauen, die einfach „ihr Ding“ machen, unbeirrt von Konventionen.

Der wütende Pegida-Mob, wie er hier durch die Lande zieht, er könnte aus einem Pratchettbuch stammen. Genau so, eine Ironie ihrer selbst, hätte er sie beschrieben.

 

„The Devil hardly ever made anyone do anything. He didn’t have to.“

 

 

*Wobei Fünf-Uhr-Tee eine sehr gute Erfindung ist.

Ist das Leben nicht schön?

Die Weihnachtszeit ist noch nicht um. Sie endet – traditionell – erst an Lichtmess, am 1.2.. Daher kommt hier noch ein Weihnachtspost. So.

Seit ca 5 Jahren gehen wir an Weihnachten wieder in die Kirche. Während ich die einzige bin, die mit der Kirche an sich irgendetwas anfangen kann, sind es eigentlich meine beiden stockatheistischen Schwestern die es wieder eingeführt haben. Als (theoretisch) katholische Familie besuchen wir aber den evangelischen Gottesdienst, weil die Kirche näher liegt, die musikalische Gestaltung und die Atmosphäre angenehmer sind als die in der Gemeinde der wir zugehörig sind. Das ist eher was lokales als was konfessionelles.

Es gibt danach Würstchen mit Kartoffelsalat. Ich steh da total drauf und will es nicht anders, aber meine Schwester rebellieren: Die eine will keinen Kartoffelsalat, die andere weder Kartoffelsalat noch Würstchen. Wir werden sehen ob es nächstes Jahr nicht was anderes gibt.

Wir singen dann gemeinsam Weihnachtslieder, bei denen meine Mutter gerne die falsche Strophe erwischt und meine große Schwester uralte, unbekannte Strophen von Weihnachtsliedern ausgräbt. Danach kommt die Bescherung bei Sekt und Kerzenschein.

Und irgendwann läuft dann auf irgendeinem dritten Programm „Ist das Leben nicht schön“ mit James Stewart. Mittlerweile haben wir aber auch die DVD, weil es einmal nicht kam und wir alle enttäuscht waren (wer nicht gespoilert werden will überspringt die nächsten zwei Abschnitte).

Die Story kann man nur schwer kurz zusammenfassen. Ich versuche es mal. George Bailey hat sein Leben lang alles für andere getan. Er hat immer zurückgesteckt um anderen zu helfen, ist immer selbstlos  gewesen. Er hat auf seine Weltreise und das College verzichtet um die Firma seinen Vaters, die Building and Loan nach dessen Tod zu retten. Diese Firma verhilft Menschen zu einem Eigenheim. Doch durch ein Unglück geht, gerade als der Bankrevisor da ist, ein riesiger Haufen Geld verloren. Die Firma ist bankrott. Und George Bailey weiß sich nicht zu helfen. Schließlich steht er an einer Brücke und… da schreitet Gott ein. Vielmehr ein Engel, Clarence, der Bailey von der größten Sünde abhalten soll, das Geschenk des Lebens wegzuwerfen.

Doch Bailey ist überzeugt dass die Welt ohne ihn besser dran sei. Da zeigt ihm Clarence diese Welt: Seine Heimatstadt ist ein Sündenpfuhl, sein Bruder tot, seine Frau eine alte Jungfer, sein alter Boss ein Penner… Und er versteht wie wichtig sein Leben war.

Vor ein paar Jahren als wir den Film sahen entdeckte ich eine Schild unterhalb eines Portaits von George Baileys Vater im Hintergrund einer Szene. Dort stand: „The only thing we can truely take with us is what we have given away.“ Das einzige was wir wirklich mitnehmen können ist dass, was wir weggegeben haben.

Dieser Satz hat mich mehr berührt als der gesamte Film. Denn egal was wir in unserem Leben erreichen: Wir werden es aus diesem Leben nicht mitnehmen können. Es ist nur eine Leihgabe für unsere Zeit hier. Aber was wir geben das lebt weiter. Das ist dieser berüchtigte Schmetterling – oder auch mal ein Albatross – der Wirbelstürme erzeugt.

Wir haben selten die Möglichkeit, ein Leben direkt und willentlich zu beeinflussen. Wenn ich darüber nachdenke wer mein Leben wirklich in andere Bahnen gelenkt hat ,dann hat dies wohl kaum jemand absichtlich getan. Vieles bleibt sicher auch komplett unentdeckt, denn selten ist es so konkret wie in dem Film.

Aber am Ende ist es so. Wir kommen nicht umhin, mit unseren Leben andere zu berühren. Wir sollten dafür Sorge tragen, dass es zum Besseren ist.