Monat: Februar 2015

Das Selbst

Ich habe heute nacht geträumt ich sei auf einem Schiff, zusammen mit zwei Nachbarn, die ein Pärchen sind und einer weiteren, männlichen Person die ich nicht kenne. Wir waren irgendwo mitten auf dem Ozean und anscheinend hatten wir uns auf einer kleinen Yacht verfahren. Jetzt im wachsen Zustand hätte ich weitere Stats gecheckt – Proviant, Benzin, Funkgerät, Rettungsboot – aber wir hatten alle sofort aufgegeben und mein Nachbar kam sofort mit einer Idee. Um dem qualvollen Tod des Verdurstens zu entgehen sollten wir uns allesamt mit einem Gift umbringen. Seine Freundin und ich sollten den Anfang machen. Wir gingen aufs Deck, setzten uns in jede Handvene jeweils eine Dosis und warteten auf die Wirkung. Irgendwann kam mein Nachbar und suchte Nach geschwollenen Lymphknoten im Arm, die angeblich Zeichen für die Wirkung des Giftes waren. Dann begann er, Lampenöl über mich und meine Haare zu gießen.

Dann wachte ich auf.

Es war wirklich sehr, sehr creepy. Ich bin alles nur nicht suizidal und ich halte mich für relativ kühl im Kopf wenn es um brenzlige Situationen geht. Zumindest habe ich schon diverse Kleinbrände unter der Sterilbank gelöscht und so ein Kram. Egal, mein Traum-Ich und ich unterscheiden sich offensichtlich vor allem im Hinterfragen von Dingen.

Warum ich das so fix bloggen muss? Ich war gestern eine Kollegin im Krankenhaus besuchen. Sie hatte sich das Bein gebrochen, aber mittlerweile geht es ihr soweit ganz gut. Und, es klingt leicht morbide es zu sagen, aber sie sah nie besser aus. Ihre Haut strahlte, war rosa, ihre Augen hell, die Augenringe verschwunden. Die gesamten Gesichtszüge wirkten entspannt.

Auf dem Heimweg redeten eine andere Kollegin und ich über das Reisen. Und sie meinte, quasi nebenbei, dass die letzte Zeit – sie gibt heute ihre Doktorarbeit ab – sie mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert habe. Sie wolle nun endlich ein paar Sachen erleben wenn das Leben könne so schnell vorbei sein.

Sie hat dazu keinen direkten Anlass. Ihrer Familie und ihren Freunden geht es gut und sie wird bald heiraten. Trotzdem ist sie mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert. Gerade jetzt, wo so viele neue Dinge anstehen.

Ich spreche schon lange von einer Endzeitstimmung im Labor, die mir zusetzt. Und dieses unstete Leben gerade setzt mir auch zu. Mal bin ich hier, mal dort, mal schreibe ich, mal sortiere ich, mal mache ich Organisatorisches, manchmal mache ich Gottweißwas. Oft tritt man auf der Stelle, oft muss man diverse Dinge einfach tun, damit sie weg sind weil sie nerven.

Im Hintertreffen bleibt das Selbst.

Und das ist zerbrechlich.

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Zivil-Courage 2.0

In meiner FB-TL hängen einige fragwürdige Personen rum. Manche teilen einfach unbedacht Inhalte und andere teilen mit Bedacht Inhalte die in die rechte und/oder verschwörungstheoretische Ecke gehören (was zumeist ein und dasselbe ist).

Und oft sage ich was dazu. Nicht immer. Aber oft.

Man sagt mir es wäre sinnlos, dass ich die Leute einfach entfreunden sollte. Ich möchte hier erklären weshalb ich es für wichtig halte etwas zu sagen. Und natürlich ist mein Engagement dabei nicht mit Zivilcourage abseits des weltweiten Netzes vergleichbar. Es erfordert weniger Mut. Dafür erfordert es Zeit.

„Es bringt doch nichts, die Leute sind schon verloren!“ sagen manche. Ja, vielleicht sind sie das.

Vielleicht kann man die Leute nicht mehr vom rechten Gedankengut fernhalten wenn sie mal drinstecken. Aber wer so Sachen postet der hat auch andere Freunde die das lesen. Die noch nicht so weit sind. Und die kann man noch retten. Aber nur wenn Verschwörungstheorien nicht kritiklos in ihrer Timeline auftauchen. Nur, wenn sie wissen, dass es eine andere Seite, eine zweite Seite gibt.

„Entfreunde die Leute doch einfach“, raten manche. Ja, vielleicht sollte ich das.

Es wäre einfacher mir die Welt so anzumalen wie ich möchte. Es wäre einfacher wenn ich mir die Menschen in meiner Umgebung aussuchen könnte. Kann ich aber nicht. Selbst wenn ich diesen einen da blocke – es gibt in dieser Welt abertausende von ihnen. Und es werden mehr. Früher oder später stehe ich ihnen doch gegenüber und bin mit ihrer Denkweise überfordert. Denn bei mir ist ja alles Pastell und Zucker gewesen.

„Man muss die Leute ignorieren!“, sagen manche. Ja, es wäre schön wenn das ginge.

Ich fände es auch besser wenn bei einem Naziaufmarsch niemand da wäre der zuhört. Wenn es einfach kein Schwein interessieren würde. Weder die Presse noch den Rest. Wenn sich dann nicht extremlinke Volldeppen mit Steinen bewerfen, Polizisten verletzen und Eigentum beschädigen würden. Das wäre besser. Aber das müssten alle machen. Und es müsste zu leiser Westernmusik ein rollender Busch vorbeiwehen und leise Grillen zirpen. Rechten oder verschwörungstheoretischen Idiotien Aufmerksamkeit schenken ist dumm, aber es ist weniger dumm als sie einfach machen zu lassen. Denn sie organisieren sich. Sie breiten sich aus wie ein Krebsgeschwür und manchmal fressen sie ganze Menschen mit Haut und Haaren.

„Du verschwendest deine Zeit!“, meinen manche. Ja, das tue ich.

Und ihre verschwende ich auch. Jede Sekunde die sie mir opfern verbringen sie nicht damit andere zu rekrutieren. Und gemeinsam sind wir stark: Oft hat mein erster Post auch andere Leute dazu gebracht hinzuschauen, gegen den Ausgangspost zu reden. Oft. Nicht immer. Aber jedes Mal freue ich mich wenn jemand der noch bei Verstand ist auch etwas dazu sagt.

„Es hat doch alles keinen Sinn“, erklären mir dann manche. Ja, vielleicht hat es keinen Sinn.

Aber ich möchte nie, nie, nie zurückschauen müssen und wissen dass ich zugesehen habe als es wieder losging. Das ich geschwiegen habe wenn andere Mist erzählten. Dass ich vergessen habe was Hass- und Irrreden alles auslösen zu können. Ich hab vielleicht nicht viel getan. Ich hab auch nix Großes getan. Ich habe nicht mit Einsatz meines Lebens andere geschützt.

Aber ich war nicht still.