Vergessen und vergessen werden

Es gab hier die letzten 3 Monate recht wenig Input. Ich bedaure das, denn das Einsortieren meiner eigenen Gedanken hat mir sehr geholfen.

Aber gerade überschlagen sich die Ereignisse.

Immer ist irgendwas, manchmal ist es gut, manchmal ist es schlecht. Manchmal passieren gute und schlechte Dinge an einem Tag.

Beziehungsweise: So nehme ich es wahr. Nichts ist per se gut oder per se schlecht. Aber wir alle kategorisieren das. Ich auch. Schlimm ist es dann, wenn man es gar nicht so richtig einordnen kann. Wenn es sich auf der X-Achse von schlecht nach gut irgendwo auf der Z-Achse bewegt.

Meine Oma ist seit einigen Jahren dement. Ich habe mal sagen hören, dass die Demenz eine Art des Vergessens ist, mit der Senioren die schlechten, unverarbeiteten Erinnerungen bekämpfen, die, nachdem die Kinder ausgezogen sind, wieder hochkommen. Das ist natürlich biologisch gesehen Unfug, aber aus der Herzenperspektive ergibt es doch Sinn. Wenn es darum geht, einen Sinn zu suchen, dann ist es vielleicht etwas tröstlich. Ich habe von den Menschen gehört, die nachts in den Seniorenheimen weinen und schreien, weil sie sich wieder an die Bombennächte erinnern. Oder an die Schützengräben. Oder an die KZs.

Meine Oma hat das nicht erlebt. Sie wuchs auf dem Land auf. Wir haben vor ein paar Jahren von ihrer Schwester erfahren, dass ihre Eltern sie eine Zeit lang weggaben, zum Arbeiten, auf einen anderen Hof. Wir wissen nicht weshalb. Wir wissen, dass es ihr dort nicht gut erging, aber wir wissen nichts Genaues.

Obwohl sie sich in einen jungen Mann in ihrem Dorf verliebte, verheirateten ihre Eltern sie an einen Bauern der sich auf Brautschau aufs Land begeben hatte. Sie zog mehrere 100 Kilometer von zu Hause weg. Sie arbeitete auf dem Feld und gebar 3 Kinder. Das älteste davon war meine Mutter, die sich um ihre jüngeren Brüder kümmern musste während meine Oma auf dem Feld war. Der Mann war nicht gut zu meiner Oma und auch nicht zu meiner Mutter. Und er starb früh.

Und dann musste eine Frau mitte der 70er drei Kinder und einen Hof alleine durchbringen. Und selbst als meine Mutter längst erwachsen war, als ich schon geboren war, war meine Oma noch verbittert. Sie war oft streng, auf eine Weise die ich nicht verstand. Es war kein heimeliges Oma-Gefühl, wie ich es von meiner anderen Oma kannte, bis irgendwann eine gewisse Altersmilde einsetzte, vor ungefähr 15 Jahren.

Und trotzdem hatte meine Oma immer ein gutes Herz – auf ihre Weise. Sie beherbergte Gastarbeiter bei sich im Dachgeschoss, soweit ich weiß umsonst. Sie gab was sie geben konnte und in ihrem Dorf ist sie immer noch sehr beliebt und bekannt.

Vor etwa vier Jahren begann es mit der Demenz. Erst dachten wir, sie sei nur wegen einer starken Grippe dehydriert, doch die Zeichen waren einfach irgendwann eindeutig. Sie selbst hat gemerkt, dass etwas nicht stimmte. Sie fragte oft, ob denn alles in Ordnung wäre, sie würde so viel vergessen. Irgendwann hat das aufgehört.

Da meine Mutter 200 km von meiner Oma entfernt wohnt, war das mit der Pflege schwer. Wir wussten, das ein Heim nicht in Frage kam. Meine Oma sagte wehement, dass sie eher sterben würde als aus ihrem Haus auszuziehen. Das wurde respektiert.

Die Pflegerinnen konnte sie allesamt nicht leiden und als sie für einige Tage in der Tagespflege war, weil mein Onkel im Urlaub war, versuchte sie auszubüchsen.

Am Mittwoch entdeckte meine Tante bei meiner Oma eine komische Narbe unter der Brust. Als sie sie befühlte bemerkte sie, dass es ein ziemlich großer Knoten war. Gestern ging meine Mutter mit ihr zum Frauenarzt, der je einen Tumor in jeder Brust feststellte. Die Mammographie heute bestätigte den Befund.

Ich werde oft gefragt wie das so ist, mit dem Krebs. Ich sage dann immer, dass man mittlerweile viel heilen kann. Wir entdecken Krebs früher und – zum Beispiel – viele Brustkrebsarten lassen sich heute schon gut heilen.

Eigentlich. Aber der Krebs bei meiner Oma ist schon weit fortgeschritten. Weiß der Himmel wieso das bisher noch niemand entdeckt hatte. Und es gibt noch ein Problem:

Bei einer OP, genauer gesagt bei einer Vollnarkose, besteht immer die Gefahr, dass man danach noch verwirrter ist als zuvor. Einfacher gesagt: Eventuell wird sie danach nie mehr das Bett verlassen. Eventuell ist sie danach komplett verwirrt. Die Umgebung einer Klinik, die fremden Menschen, die Schmerzen – von denen sie nicht verstehen wird woher sie kommen…

Krebs zerfrisst den Körper von Innen. Demenz zerfrisst den Menschen.

So ist es.

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