Vergissmeinnicht

Ich habe seit Januar viel geleistet. Ich wollte immer mal eine Woche Urlaub machen. Eine Woche um zur Ruhe zu kommen. Eine Woche keine Termine, eine Woche keinen Stress, eine Woche kein Druck.

Dann habe ich am Ende meines Arbeitsverhältnisses 15 Tage Urlaub verfallen lassen. Und habe noch drei Wochen länger zum Schreiben – bzw um das Drumherum – gebraucht. Drei Wochen von dem Monat in dem ich eigentlich „frei“ hatte. Bevor das Praktikum beginnt. Aber die letzte Woche, da mach ich Urlaub! Dachte ich mir. Da hab ich frei!

Ich habe zwei Slams gehalten, ich habe einen aufwendigen Blogbeitrag geschrieben, ich habe diverse Finanzangelegenheiten erledigt. Ich habe meine Steuer angefangen und bin Dokumenten hinterhergehechtet. Ich habe meiner Kollegin geholfen ihre Steuern zu machen, da sie schlecht deutsch spricht. Zwei jahre Steuern. Ich habe mich um meinen Vertragsabschluss gekümmert, ich habe meinen Gutachtern meine Arbeit gebracht. Ich habe auch endlich wieder mit Leuten telefoniert die ich lange nicht mehr gesehen hatte. Ich habe auch eine Jobmesse besucht. Meine Mitbewohnerin zieht um und sie hat in den letzten Wochen viele neue Mitbewohn-Anwärterinnen eingeladen. Meine Oma hat Krebs und ich sorge mich und versuche meine Mutter soweit es geht zu unterstützen, wenn auch seit Ostern wieder „nur“ psychisch als mit Rat und Tat. Ich hab diverse Arzttermine gehabt und da noch Stress mit einem Rezept. Meine ehemalige Abteilung schreibt mich an wegen Kram, wegen Abschieden und wegen „meld dich mal wieder“. Auch wegen Ihnen war ich auf Achse.

Kurzum, ich habe keinen Urlaub gemacht.

Ich wusste im Januar, dass der April stressig wird, aber eigentlich weil ich dachte, ich wäre dann schon in Prüfungsvorbereitungen. Und ich wusste, dass mein Vater Geburtstag haben würde. Also erstellte ich bereits im Januar mein Fotobuch. Aber ich bestellte es noch nicht, da meine Schwestern es sich ansehen sollten.

Jetzt habe ich vergessen es zu bestellen. Der Geburtstag ist am Wochenende. Und ich möchte heulen.

Der eine Mensch, der in all dieser Zeit IMMER und ohne jeden Kompromiss mir zur Seite stand, der mir all das ermöglicht hat, weil er sagte, dass Bildung wichtig ist, dass Forschung wichtig ist. Den einen Menschen habe ich vernachlässigt. Und ich fühle mich furchtbar.

Und wenn ich dann sage: Passt auf, ihr werdet in der DA Dinge vernachlässigen. Ihr werdet Menschen vernachlässigen. Dann ist nicht die Zeit mir unter die Nase zu reiben was ihr alles geschafft habt. Das habt ihr fein gemacht. SCHÖN, dass ihr nicht so hundsmiserable Töchter seid wie ich. TOLL, dass ihr nebenher 10 Kinder und 2 Bauerhöfe versorgt habt. PRIMA, dass bei euch alles wunderbar geklappt hat.

Wirklich.

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5 Kommentare

  1. Dein Vater versteht das bestimmt, wenn sich das Fotobuch etwas verzögert. Und deine Schwestern sind schlechte Schwestern, wenn sie dich nicht mal an so eine Kleinigkeit erinnern. (Was ich sagen will: es ist nicht deine Schuld!)

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  2. Ich habe keine Diss geschrieben, ich habe höchste Hochachtung vor dieser deiner Leistung, ich kenne das Gefühl, jemanden zu vernachlässigen oder im falschen Moment im Stich zu lassen, leider auch – und ich bin sicher, dass dein Vater es verstehen wird. Das wird deine Wut und Scham akut nicht lindern, ich weiß. Und die, die sich hinstellen und sagen „pf, das hätte man spielend schaffen können, weil ich hab noch das und dies und jenes“ – vergiss sie. *inArmnehm*

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  3. Hey, Du.

    Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie Du Dich gerade fühlst. Aus eigener Erfahrung weiß ich, was mit einem passiert, wenn vor lauter Dingen, die einen gedanklich beschäftigen, Sachen hinten runter fallen, die persönlich so wichtig sind. Oder wenn abends nach 13, 14 Stunden Kampf mit dem eigenen Text, mit dem ganzen Umschwung drumherum und dem vielen Leben, das auch noch so nebenbei passiert, die Kraft für ein wichtiges und längst überfälliges Telefonat fehlt. Oder die Nerven, um noch liebevoll mit den Kindern zu sprechen, die am Nachmittag eigentlich nur ein kleines bisschen Aufmerksamkeit wollen. Eine erfolgreiche Dissertation bedeutet immer auch Scheitern auf vielen, vielen anderen Ebenen, die doch eigentlich im Vordergrund stehen sollten. Eigentlich.
    Gegen die Zerrissenheit hilft auch nichts, nur die Zeit und die Fähigkeit, sich selbst zu verzeihen, dass man auch nur ein Mensch ist. Ich bin – sofern ich das von außen beurteilen kann – ganz sicher, dass Du mit all Deiner Energie, Deinem Willen und Deinem Kopf letztendlich alles, was Du Dir vornimmst, auch unter einen Hut bekommen wirst. Bis dahin fühle Dich virtuell gedrückt – von einer, die auch leider längst nicht alles hinbekommt und immer noch ab und zu mit diesem Fakt hadert, gerade wenn es Dinge betrifft, die persönlich so nahe gehen.

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  4. Fühl dich mal ganz fest gedrückt. Been there. Wrecked that. Ich habe auch viele Freunde (unter anderem dich *schäm*) die nicht in unmittelbarer Reichweite sind, in den letzten Monaten sträflich vernachlässigt und den Geburtstag meiner Tante auch spektakulär verpennt, weil mein Hirn irgendwo zwischen Auswertung, Schreiben und Hilfe ich brauche einen Job vor sich hinschimmelte. Dass es angeblich so viele perfekte Menschen gibt, ist zu einem guten Teil auch persönlichkeitsoptimierte Internet-Selbstdarstellung.

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