Monat: Juli 2015

Die Angst vor der Angst

Es wird bald soweit sein. Ich werde in einen Raum gehen, einen Vortrag halten und dann Fragen beantworten.

Dann werde ich hinaus gehen und bin Doktor. Noch nicht formell, aber eigentlich schon.

Alles was in diesem Raum passiert ist eine Black Box. Es ist Schrödingers Prüfung. Solange ich nicht nachschaue, weiß ich nicht wie sie ist. Ich weiß nicht, ob mich doch Nervosität überkommt. Ich weiß nicht, was für Fragen auf mich zukommen. Ich weiß nicht, ob ich in der Situation meine Antworten parat habe, auch wenn ich sie weiß.

Ich habe in den letzten Wochen so viel gelernt, vieles ist ins Blut übergegangen. Es fühlt sich nicht mehr an als hätte ich es gelernt. Und das, was ich seit Monaten, seit Jahren weiß, weil ich es irgendwann mal gelernt habe, fühlt sich nicht an wie Wissen, welches ich „gelernt“ habe. Es ist wie Lesen können: Man weiß nicht, wie es war bevor man wusste, wie aus den Buchstaben ein sinnvolles Wort wird.

„Ist das überhaupt Wissen?“ frage ich mich?

Ich sagte zu einer Kollegin „ich weiß ja nicht, immer wenn ich Texte lese denke ich ‚das weiß ich doch schon!'“

Sie sagte, sie habe begonnen, Definitionen zu Begriffen abzudecken. Dann hätte sie gemerkt dass sie eben nicht beschreiben kann, was ein Tumorsuppressorgen ist.

Ich weiß natürlich, was ein Tumorsuppressoregen ist. Ich habe meine Masterarbeit darüber gemacht. Und über Onkogene. Sind das wirklich die Fragen die da kommen? Das ist doch soooo drittes Semester?! Natürlich verliert man Wissen über die Zeit. Aber ich habe so viel an gerade diesen beiden Themen gearbeitet, dass ich darüber nicht nachdenke wie ein abstrakter Begriff, sondern es fast greifen kann. Wie einen Baum, oder eine Tasse. Es sind reale Dinge, mit denen Gefühle verbunden sind, Eindrücke, Erinnerungen.

Ich bin nicht nervös. Nicht richtig. Ich sitze nicht da und schaue panisch auf die Uhr und zähle die Stunden, Minuten, Sekunden. Ich schlafe gut. Ich kann mich entspannen. Überhaupt nutze ich meinen freien Tage gerade auch dafür, mal auf der Couch zu liegen. Ich dachte erst, die ganze Arbeit hätte mich von der Nervosität abgelenkt. Aber vielleicht bin ich auch einfach nicht nervös. Angespannt, vielleicht. Aber ich habe Angst davor, nervös zu werden. Ich habe Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Ich habe Angst vor der Angst.

Mich hält die Gewissheit, dass danach alles vorbei ist. Das danach beginnt, was ich das letzte Jahr entbehrt habe. Mich halten die Freunde, die ich wieder besuchen kann. Mich hält die Freizeit, die ich wieder für mich selbst nutzen kann oder die ich teilen kann. Wie ich es möchte. Mich hält das Gefühl, ohne Schuldgefühl sinnfreie Dinge tun zu können, weil nichts wichtigeres drängt. Ich freue mich darauf, wieder für andere da sein zu können, wie meine Oma, der es gerade wieder schlechter geht. Ich warte gespannt darauf, was da nun alles neues kommt, welche Projekte auf mich zukommen. Ach, ihr solltet mich jetzt lächeln sehen.

Denn, ganz ehrlich, so lächelte ich das letzte Jahr über nicht. Und wohl auch nicht die drei Jahre davor. Ich war verbittert und unzufrieden. Jetzt bin ich voller Erwartung und freue mich auf das Leben „danach“:

weil ich meinen Chef hinter mir zurücklasse

weil meine Familie für mich da ist

weil meine Freunde immer noch meine Freunde sind, auch wenn sie mich in letzter Zeit missen mussten

weil noch viel, viel mehr als meine Diss jetzt hinter mir liegt

weil ich in nichtmal 8 Wochen gemerkt habe, wie es ist eine Chefin und einen Betreuer zu haben, die mich wertschätzen und das auch sagen.

weil noch so viel vor mir liegt

Ja, eigentlich hatte ich gesagt, ich bin nicht nervös. Ich bin aufgeregt. Ich muss nur noch einmal in diese Blackbox und dann geht es los.

🙂

Baywatch

Diese Situation hat wahrscheinlich andere Hintergründe als sie den Anschein hat. Ich will aber den Anschein erzählen, denn der amüsiert mich. Ich bitte darum, dies als Zuspitzung, als Glosse, zu lesen, nicht als faktischen Bericht. Wenn sich auch alle konkreten Aktionen genau so zugetragen haben.

Mein Ruder-Coach sieht verdammt gut aus. Das ist nun einmal so. Er ist nicht sonderlich groß, aber wie alle Ruderer nunmal breitschultrig im Vergleich zu einer eher schmaleren Hüfte und trainierten, aber nicht überdimensionalen Beinen. Nicht nur ich sehe das, auch meine weiblichen Ruderkolleginnen sind davon sichtlich angetan. Und ja, ich schaue mir das gerne an, wenn sich ein muskulöser Körper unter einem hellen Trainingsshirt abzeichnet. Es ist eine ästhetische Ansicht und ich finde sowas eben schön.

Ich weiß nicht, ob er damit kokettiert. Ich bin was Flirterei unglaublich schwer von Begriff, man(n) könnte da auch mit einer Steinstatue reden. Er ignoriert mich größtenteils, sowie im Boot als auch am Land und mir ist das schnuppe.

Es gibt aber zwei Damen, die mit ihrer Begeisterung nicht hinter dem Zaun halten. Sie sind ebenso verdammt gutaussehend. Groß, lange Beine, hellbraune Haare, sanduhrförmig. Die eine hat mit ihren mandelförmigen Augen einen leicht orientalischen Touch, die andere kommt mit ihrer sportlichen Art locker und natürlich rüber. Nicht die Art von Frau die ich persönlich attraktiv finde, aber beide sind bildhübsch.

Diese beiden Damen suchen gerne das Gespräch mit dem Coach. Sie nutzen viele Gelegenheiten dazu und versuchen auch, in dem Boot zu landen, dass er steuert. Oder er setzt sie mit Absicht da hinein. Was weiß denn ich.

Heute waren wir zu sechst. Ich stieg mit drei Herren in den Rennvierer. Die beiden Damen entschieden sich für den Zweier, auch wenn sie sich dabei deutlich unsicher gaben. „Was machen wir denn wenn wir reinfallen?!“

Wir zogen im Rennvierer davon und waren gerade zum Beginn des nächsten Kurses wieder am Steg. Als wir anlegen kommt uns der Coach im Kajak entgegen. Oben ohne, leicht glänzende, schweißnasse Haut. „Habt ihr den Zweier gesehen?“

Nein, haben wir seit dem Ablegen nicht mehr.

Der Coach paddelt im Kajak davon.

Und nun kommt die eigentliche Situation, die ich damit einleiten musste.

Da, der Retter, er zog aus, die gekenterten Mädchen zu suchen. Das Kajak rast stromabwärts, sucht den Zweier auf sechs Kilometern Neckar. Die Mannschaft und ich schauen uns an. „Joah, der ist dann mal mit unseren Spintschlüsseln abgezogen, ne?“, sage ich.

Also stehen wir selbst am Ufer, überlegen wo wir den Zweier das letzte mal sahen.

Das Kajak kommt, gerade noch so sichtbar, unter der nächsten Brücke zum halten. Der Zweier taucht hinter dem Pfeiler auf. Die beiden Damen fahren einen Zickzackkurs, kommen dann zum stehen. Es scheint einen kurzen Austausch zu geben, dann fahren sie wieder los. Kreuzend wie ein Segelschiff. Das Kajak begleitet sie eine Weile. Dann wird der Coach offensichtlich ungeduldig und fährt wieder Richtung Steg.

Man sollte dazu sagen, dass ein Zweier, noch dazu ein Rennzweier, deutlich bessere Hebelwirkung hat als ein Kajak. Es kommt natürlich ganz auf den Fahrstil an, aber egal. Ich will damit die Mädels nicht ob Ihrer Ruderkünste abwerten, sondern nur die mir ersichtliche Absurdität beschreiben.

Der halbnackte Coach kehrt also zum Steg zurück. Vom wilden Paddeln nass gespritzt, in den Haaren glänzende Tropfen Neckarwasser, kehrt er unverrichteter Dinge heim. Ein Baywatch-Star ohne Geretteten, ein Fischer ohne Fang.

„Sie haben PAUSE gemacht.“ Der Coach schüttelt den Kopf. Etwas leicht verächtliches ist seiner Stimme schon abzugewinnen. Die beiden hatten offensichtlich die Zeit aus den Augen verloren.

Wir beginnen sofort zu scherzen. Ob sie wohl an der Neckarwiese ausstiegen, auf ein Bier und eine Bratwurst bei den Grillflächen? Genossen sie den Ausblick unterhalb des Schlosses?

Die Mannschaft ist amüsiert.

Der Spintschlüssel lag übrigens die ganze Zeit am Steg.

Es gibt keine Moral von der Geschichte, ich finde sie nur schön und nunja, ein bisschen Erotik kann an diesen heißen Tagen nun auch nicht schaden.

Werkzeuge

Und dann gibt es diese seltenen Momente, in denen man das, was man anderen rät, auf sich selbst anwenden kann. Oder das, was man über andere denkt.

Da schreibt mich also eine Freundin an und erzählt mir von einer Stelle, auf die sie sich bewerben will. Und ich sage ihr dreimal „du kannst nicht verlieren“. Sie schreibt zurück „Das ist gerade dein Mantra, oder?“

Ja, in gewisser Weise. Da hat sie recht. Ich kann gerade nicht verlieren. Nicht was diese Promotion angeht. Wenn es vorbei ist, habe ich gewonnen.

Und jemand anderes schrieb, dass er sich auf ein Jobinterview vorbereitet. Ein wichtiger, toller Job. Und ich denke mir: Die Vorbereitung ist eigentlich nur eine Ablenkung von der eigentlichen Sache.

Und mir wird es sofort sehr klar.

Wir fürchten uns vor etwas, das uns unbekann ist. Oder wir sind nervös, weil wir etwas unbedingt wollen, aber Angst haben, dem nicht gewachsen zu sein.

Über unser Leben hinweg sammeln wir Werkzeuge. Und wir lernen es, diese anzuwenden. Wir haben sie und man kann sie uns nicht mehr nehmen. Diese Werkzeuge sind das Wissen, das wir uns aneignen.

Aber wenn wir nun irgendwo unser Können unter Beweis stellen wollen, dann benötigen wir eben nicht unbedingt, das Wissen. Wir müssen eher rüberbringen, was wir können. Übertragen heißt das, wir bringen zu einem Bewerbungsgespräch nicht das Werzeug mit, mit dem wir arbeiten, sondern vielleicht ein Bild von dem Haus das wir damit gebaut haben.

In meinem Habitat haben wir oft nichts handfestes vorzuweisen. Wir haben Präsentationen mit bunten Bildern. In meinem Habitat zählt also etwas anderes. Und das ist: die Person.

Integrität, Ausdrucksweise, Überzeugungskraft.

Die Menschen die uns überprüfen wissen von unserem Werkzeugkoffer. Sie wollen den Menschen sehen.

Es beruhigt aber ungemein, das Werkzeug vor dem großen Tag ordentlich zu polieren.

Schadet nicht.