Monat: August 2015

Retrospektrum

Was genau gerade so durch meinen Kopf geht lässt sich wenig in Worte fassen. Es ist so viel passiert. Es passiert immer noch so viel. Ich habe das Gefühl, Dinge aufholen zu müssen. Ich habe aber auch das Gefühl, gar nichts tun zu wollen. Zu rasten, statt zu rasen.

In etwa zwei Wochen ist es genau ein Jahr her, dass mein Chef mir relativ direkt und ohne Umschweife offenbarte, dass mein Vertrag nicht verlängert werden würde. Es sah düster aus. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Würde ich überhaupt abschließen und promovieren? Ich war mit meinen Nerven am Ende. Dachte ich.

Wie lange Nerven sein können weiß man nie. Es geht doch immer irgendwie alles. Und vor allem geht es immer wieder weiter. Vor etwa vier Wochen habe ich meine Doktorarbeit verteidigt. Sie ist nicht gut, aber sie ist fertig. Alles darin, wirklich alles, ist von mir. Ich stand vor einem Scherbenhaufen und habe es geschafft, die größten, schönsten Scherben herauszusuchen und daraus ein nutzbares, wenn auch nicht sonderlich ansehnliche Gefäß zu machen. Handwerklich war ich ja noch nie sonderlich begabt.

Ich bin doch erstaunt, wie lange das alles gedauert hat. Fast ein Jahr. Es kommt mir vor als sei es gestern gewesen, dass ich da in dem Glaskasten saß und erbarmungslos und ohne jegliches Mitgefühl offenbart bekam, dass es nun zu Ende sei. Es war eben noch lange nicht zu Ende. Das letzte Wort ist immer noch nicht gesprochen.

Ein paar Gedanken möchte ich dazu weiterhin verlieren, für euch zur Information, für mich zur Seelenhygiene.

  1. Doktorarbeiten erfordern Tribut. Immer. Ihr werdet Menschen verlieren – entweder weil sie euch schaden oder weil ihr ihnen schadet. Beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Spaßfakt: Der Mensch den ich damals als ersten anrief, an diesem Tag im September – er steht mir nun nicht mehr nahe, gar nicht mehr. Ganz zu schweigen von den Dingen, zu denen man nicht mehr kommt. Oder die Veranstaltungen, für die man keine Zeit hat.
  2. Es dauert immer länger. Alles dauert immer länger als man denkt. Straffe Zeitplanung geht im Normalfall schief. Lasst euch diese Zeit. Geht einfach davon aus, dass es mindestens drei Monate länger dauert. Setzt euch nicht unter Druck „bis dann“ fertig zu sein. „Fertig werden“ sollte als Ansporn reichen.
  3. Alles ist unfair. Doktorarbeiten sind nicht fair. Wenn jemand – gerade der Doktorvater – sagt, er sei bei Doktorarbeiten fair, dann ist er nur ein Lügner. Legt man an jede Doktorarbeit denselben Maßstab an, so müssen sie auch von derselben Stufe gestartet sein. Sind sie aber nie.
  4. Wer dich nach deiner Note fragt, ohne dass du selbst das Thema aufgebracht hast, ist nicht dein Freund. Sic est. (Vielleicht ausgenommen direkter Familie und Partner).
  5. Input != Output.
  6. Nach der Doktorarbeit ist es noch lange nicht vorbei. Bereitet euch auf 2-4 stressige Wochen vor. Es ist vielleicht auch ganz gut, langsam herunterzufahren und nicht nach dem ganzen Stress in ein leeres Loch zu fallen.
  7. Spare an allem, nur nicht am Schlaf.
  8. Man kann sich auf die Prüfung nicht vorbereiten. Prüfer sind seltsame Wesen. Sie stellen komische Fragen, denn sie verstehen meistens das Thema gar nicht. Man kann den Vortrag üben und alles zum Thema wissen – sie kommen mit Fragen, die so abwegig sind, dass man sich fragt wie diese hirnlosen Menschen an eine Professur kamen. Ganz ehrlich. Aus dem Meisten kann man sich übrigens rausreden, wenn man geschickt ist.
  9. Man fühlt sich größtenteils unverstanden. Jeder hat sein Päckelchen zu tragen, sagt man. Manche regulieren das extern, indem sie viel jammern – meistens bei Leuten mit größeren Päckelches, die aber ihre Situationen eher intern lösen und deswegen nach außen hin aussehen, als sei alles total leicht. Beide Arten von Menschen können mit demselben Unverständnis auftreten, nur anders. Die Jammernden jammern über sich selbst weiter, weil es Ihnen ja „auch so schlecht“ geht, die Stillen schauen einen verwundert an und sagen, es sei doch alles nicht so schlimm. Beides ging zumindest mir irgendwann brutal auf die Nerven. Den meisten Menschen fehlt sowieso das Verständnis für solche Sachen. Der Rest wird einem selbst nicht als verständig genug vorkommen. Das ist wahrscheinlich irrational und ungerecht den anderen gegenüber. So ein bisschen wie in der Pubertät.
  10. Das Abfallen des Stresses nach so langer Zeit ändert die eigene Haltung und die Wirkung auf andere dramatisch. Darauf sollte man vorbereitet sein. Man fühlt sich danach wie ein anderer Mensch.
  11. Der Tag der Prüfung ist purer Stress. Auch nach der Prüfung noch. Stellt jemandem ab der euch mit Essen und Trinken versorgt und euch Geschenke abnimmt. Ganz ehrlich. Ich selbst fühlte mich komplett überfahren und habe etwa eine Stunde rumgestanden und Leute umarmt und mir gratulieren lassen und wurde mit Dingen überhäuft die ich gar nicht begutachten konnte weil alles so viel war. Man wird aber erwartungsvoll angeschaut. Das macht einen fix und fertig, weil man niemandem gerecht wird. Außerdem fühlt man sich schuldig, weil man nicht allen ausreichend Danken kann. Lasst euch also von einer euch nahestehenden Person etwas betüddeln, was die Grundversorgung mit Wasser, Essen, Alkohol und freier Arme angeht.
  12. Alles kommt anders als man denkt. Ist ja immer so.
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