Ist es denn schlimm, sexy zu sein?

Mit etwa 12 Jahren beschloss ich, dass ich meine Brille nicht mehr tragen wollte. Ich fand sie schlimm. Ich fand mich hässlich damit. Ich fand mich eh hässlich, so mitten in der Pubertät, aber die Brille war der Feind. Ich ging morgens ordnungsgemäß mit Brille zur Schule und setzte sie vor den Toren ab. Nachmittags setzte ich sie erst vor der Haustür wieder auf. Ich Rebell! Mein Problem war, dass ich mit meiner Weitsichtigkeit zwar alles sehen konnte, aber nicht lesen. So wurde mir mein Brillenhass immer wieder zum Problem. Irgendwann, als meine Mutter meine heimlichen Machenschaften herausgefunden hatte, erbarmte sie sich. Ich bekam Kontaktlinsen. Und war das glücklichste Mädchen der Welt.

Wenn Menschen jetzt erfahren, dass ich eine Brille brauche – bzw Kontaktlinsen trage – sind sie meistens erstaunt. Im Labor, beim Sport, in der Freizeit: Kontaktlinsen waren immer praktischer und mein treuer Begleiter über die letzten Jahre.

Die Diskussion entbrannte, als ein Freund ein Bild von mir fand, auf dem ich spaßeshalber die Brille eines anderen trug. Ich fand, dass ich damit aussehen würde wie ein Schulmädchen in einem schlechten Porno. Er fand, dass ich öfter Brille tragen sollte. Sie würde mich intelligenter machen. Und heißer. Überhaupt: Lass doch mal die Haare offen. Das würde meine Sexyness deutlich erhöhen.

Bevor hier jetzt schon jemand auf die Barrikaden geht, es geht hier nicht um eine konkrete Vorschrift. So war die Diskussion nicht gemeint und so hab ich sie auch nicht verstanden. Die Frage ist nicht ob ich das darf, denn ich darf alles was ich will. Die Frage ist: warum sträube ich mich so dagegen, sexy zu sein? Ein Grund für die stets hochgesteckten Haare in beruflichen Situationen ist, dass mir eingeredet wurde, dass lange Haare nicht seriös seien. Ein Grund, weshalb meine Brille keine nerdige Hornbrille ist, ist dass ich damit an ein blondes Schulmädchen erinnere, welches den Lehrer fragt ob es denn gegen die 6 in Mathe was tun könnte, so privat.

Aber ist es denn so falsch? Solange ich adrett und den Umständen entsprechend gekleidet bin, ist es dann falsch ein bisschen sexy zu sein?

Ich war nie so der Typ, der sich mit Schmuck behängte. Ich schminke mich wenig, meine Kleidung ist selten auffällig. Wieso ist das so und wieso will ich das so? Im Grunde war das immer ich. Aber verbiete ich mir dabei nicht den Übertritt von meiner rationalen, pragmatischen Welt hin zu einer sinnlicheren?

Ich werde drüber nachdenken.

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2 Kommentare

  1. Dein Artikel hat natürlich eine beträchtliche Schnittmenge mit dem Thema Feminismus, welcher ja schon seit jeher das selbst gewählte Outfit einer Frau thematisiert.

    Wenn ein Mensch den Wunsch hat, durch eine bestimmte Erscheinung anziehend auf eine andere Gruppe Menschen sein zu wollen, gehört das zu den Freiheitsrechten, das tun zu dürfen.

    Einer Frau genau dieses Recht abzusprechen, weil das einer bestimmten erwünschten gesellschaftlichen Entwicklungsrichtung widersprechen würde, ist das Gegenteil von Feminismus, so wie ich diesen Begriff auffasse.

    tl:dr; Wenn Du Dich wohl dabei fühlst, die Welt sinnlicher zu erleben, ist es Dein Recht im Sinne des Feminismus, das so zu tun.

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