Allgemein

Wo sind die Frauen?

Männer sollen nicht so verweichlicht sein und Frauen besser beschützen. Und linke Männer sind besonders verweichlicht. Und bitte, liebe Männer, wenn ihr in der Nacht hinter einer Frau auf der Straße geht, wechselt doch die Straßenseite damit sie sich wohlfühlt.

Solche Thesen habe ich in den letzten Tagen gelesen und… gelinde gesagt stoßen sie mir alle sauer auf. Ich meine, was bei allen neun Höllen fährt in Leute, die fordern, Männer müssten Frauen beschützen? Welcher Feminismus ist das? Das ist doch purer alter Chauvinismus sonder gleichen. Würde dort stehen „Jeder sollte Menschen in Not helfen“, ja immer, keine Fragen. Da steh ich dahinter. Zivilcourage, bitte! Aber bitte von allen und für alle.

Ein weiser Mensch sagte mir mal, dass man andere Leute nicht ändern kann. Man kann nur sich selbst ändern. Demnach sind die Forderungen nach gesellschaftlichen Veränderungen schön und gut, aber sie predigen nur dem Chor, jenen die eh schon sensibilisiert sind. Ich kann nach neuen Gesetzen rufen, aber ich kann das Verhalten von Menschen damit nicht beeinflussen. Denn Verbrecher(innen) sind immer jene Menschen, die Gesetze – und damit gesellschaftliche Normen – brechen. Ich kann vielleicht dafür sorgen dass die Menschen bestraft werden und vielleicht, mit viel Glück, erkennen sie durch diese Strafe ihr Fehlverhalten. Aber ändern werde ich sie nicht. Das können sie nur selbst.

Ich besuche seit Anfang des Semesters den Uni-Kurs für Krav Maga. Krav Maga ist die härteste Selbstverteidigung die man sich so vorstellen kann. Es reicht schon, drüber nachzudenken, dass diese Art der Selbstverteidigung vom IDF gelehrt wird. In der ersten Stunde waren über 100 Leute da. Ein großer Teil davon waren Frauen. Vor der ersten Stunde in der Umkleide hörte ich Sprüche wie „Ja, man muss sich als Frau heute ja zu wehren wissen“ und „Ich wurde neulich schon wieder von jemandem angesprochen, der einfach nicht wegging.“

Interessanterweise waren die Sprüche nach der Stunde anders. Krav Maga sei zu anstrengend, zu gewalttätig und überhaupt, sei es ja ihr Recht, nicht angegriffen zu werden, so wäre es doch das einfachste. Einfach den bösen Männern beibringen, nicht zu vergewaltigen. Dann muss man sich als Frau auch nicht zu verteidigen wissen. Von den über 100 Leuten sind jetzt am Ende des Semesters noch 30 übrig, davon sind vielleicht 8 Frauen dabei. Keine von den Sprücheklopfern.

Ja, verdammt nochmal, es ist mein Recht, körperlich unversehrt zu bleiben. Trotzdem: Verbrecher interessieren sich nicht für meine Rechte. Es sei denn sie kommt mit Schmackes gegen ihreSchläfe.

Dies ist keine Forderung, sondern ein Hilferuf: Liebe Frauen, probiert eine Kampfsportart oder eine Selbstverteidigung aus. Sucht euch eine die Spaß macht und betreibt sie eine Weile ernsthaft. Wirklich, es wirkt wahre Wunder. Ihr fühlt euch sicherer, auch wenn sich an eurer Umgebung ja gar nichts ändert. Wenn ein Mann hinter euch geht, dann geht der höchstwahrscheinlich einfach zufällig auch auf dieser Straße. Das mag passieren. Auch nachts. Ihr werdet lernen, Situationen einschätzen zu können, ihr werdet Selbstvertrauen haben und ihr werdet nicht auf die Gnade oder die Hilfe von anderen Menschen angewiesen sein.

Nein, stattdessen könnt ihr sogar selbst helfen. Ich sehe vollkommen ein, dass nicht jeder für Kampfsport geboren ist. Eventuell sind auch körperliche Probleme im Weg. Ich fände es aber schön, irgendwann einem Menschen in Not, der sich selbst aus welchen Gründen auch immer nicht zu helfen weiß, helfen zu können.Andere um Anpassung an neue Spielregeln zu bitten ist ein freier Wunsch. Aber ich habe das Recht, die Einhaltung meiner Rechte einzufordern. Ist das nicht Emanzipation?

 

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Vergessene Freundschaften

Ich hielt und halte mich schon immer für eine gute Freundin. Ich bin der Mensch, der da ist, wenn es hart auf hart kommt. Ich gehe da gerne mal über Stock und Stein. Denn wenn mir jemand wichtig ist, dann hat er das verdient.

Ich gebe auch nicht so schnell auf. Ich hab mich von manchen Menschen immer wieder verletzen, ausnutzen lassen – nur um wieder bereits zu stehen, wenn es wieder irgendwo knallte.

Aber ich habe in den letzten zwei Jahren viel gelernt. Ich habe gelernt, wie stark ich alleine bin. Und ich habe gemerkt, wer wirklich für mich da war wenn ich eben nicht stark war. Vielleicht lege ich da die hohen Ansprüche, die ich an mich selbst habe, an andere an. Das ist unfair, denn ich bin so unfassbar sehr streng mit mir.

In den letzten Wochen musste ich hinnehmen, für andere Menschen nicht so wichtig zu sein. Ich musste auch hinnehmen, hintergangen zu werden. Ich habe auch erkannt, einfach vergessen worden zu sein. Ich habe gesehen, wie Einzelpersonen Druck ausüben, um ihren Willen zu bekommen.

Wäre dies nur bei einer Person gewesen, ich weiß nicht ob ich so reagieren würde wie jetzt. Nein, es waren einige. Jeder hat mich auf seine ganz eigene Weise verletzt. Dabei wurde vergessen was man gemeinsam an einer Freundschaft hatte, vergessen, dass man füreinander da war, oder vergessen, dass ich für sie da war. Die ständigen Forderungen ihrerseits haben sie ebenso vergessen. Wenn ich liefere, warum sollten sie liefern?

Ja, gewiss. Die letzten Jahre haben mich geändert. Nein, ich habe mich verändert. Ich will nicht mehr hinnehmen, ich will gegenhalten dürfen. Ich will nicht mehr liefern, ich will fordern dürfen. Ich will geben, aber ich will nicht, dass mir genommen wird. Ich will an einer Freundschaft wachsen, aber ich will nicht, dass nur einer von uns wächst.

Das ist wohl meine ganz eigene Emanzipation.

Und vielleicht werde ich endlich erwachsen.2016-02-23 17.24.34

Ist es denn schlimm, sexy zu sein?

Mit etwa 12 Jahren beschloss ich, dass ich meine Brille nicht mehr tragen wollte. Ich fand sie schlimm. Ich fand mich hässlich damit. Ich fand mich eh hässlich, so mitten in der Pubertät, aber die Brille war der Feind. Ich ging morgens ordnungsgemäß mit Brille zur Schule und setzte sie vor den Toren ab. Nachmittags setzte ich sie erst vor der Haustür wieder auf. Ich Rebell! Mein Problem war, dass ich mit meiner Weitsichtigkeit zwar alles sehen konnte, aber nicht lesen. So wurde mir mein Brillenhass immer wieder zum Problem. Irgendwann, als meine Mutter meine heimlichen Machenschaften herausgefunden hatte, erbarmte sie sich. Ich bekam Kontaktlinsen. Und war das glücklichste Mädchen der Welt.

Wenn Menschen jetzt erfahren, dass ich eine Brille brauche – bzw Kontaktlinsen trage – sind sie meistens erstaunt. Im Labor, beim Sport, in der Freizeit: Kontaktlinsen waren immer praktischer und mein treuer Begleiter über die letzten Jahre.

Die Diskussion entbrannte, als ein Freund ein Bild von mir fand, auf dem ich spaßeshalber die Brille eines anderen trug. Ich fand, dass ich damit aussehen würde wie ein Schulmädchen in einem schlechten Porno. Er fand, dass ich öfter Brille tragen sollte. Sie würde mich intelligenter machen. Und heißer. Überhaupt: Lass doch mal die Haare offen. Das würde meine Sexyness deutlich erhöhen.

Bevor hier jetzt schon jemand auf die Barrikaden geht, es geht hier nicht um eine konkrete Vorschrift. So war die Diskussion nicht gemeint und so hab ich sie auch nicht verstanden. Die Frage ist nicht ob ich das darf, denn ich darf alles was ich will. Die Frage ist: warum sträube ich mich so dagegen, sexy zu sein? Ein Grund für die stets hochgesteckten Haare in beruflichen Situationen ist, dass mir eingeredet wurde, dass lange Haare nicht seriös seien. Ein Grund, weshalb meine Brille keine nerdige Hornbrille ist, ist dass ich damit an ein blondes Schulmädchen erinnere, welches den Lehrer fragt ob es denn gegen die 6 in Mathe was tun könnte, so privat.

Aber ist es denn so falsch? Solange ich adrett und den Umständen entsprechend gekleidet bin, ist es dann falsch ein bisschen sexy zu sein?

Ich war nie so der Typ, der sich mit Schmuck behängte. Ich schminke mich wenig, meine Kleidung ist selten auffällig. Wieso ist das so und wieso will ich das so? Im Grunde war das immer ich. Aber verbiete ich mir dabei nicht den Übertritt von meiner rationalen, pragmatischen Welt hin zu einer sinnlicheren?

Ich werde drüber nachdenken.

Vom Beten für #Brüssel

Nach den schrecklichen Bombenangriffen auf Brüssel tauchte wieder ein Hashtag auf. Es war mal #prayforParis, nun ist es #prayforBruessel.

Und gleichzeitig beschweren sich wieder einige, dass Beten ja nichts helfen würde und es bescheuert wäre, dies nun zu unterstützen. Und dass Menschen nun, in diesem Moment, nichts besseres zu tun haben, als sich über einen Hashtag aufzuregen ärgert mich, als hätte ich auch nichts besser zu tun.

Und so suchen wir immer Dinge, an denen wir unseren Frust und unsere Hilflosigkeit abreagieren können.

Noch andere verbreiten übrigens die ausländerfeindlichen Reaktionen von AfD und der Rechtsaußen-CDU, weil sie sich darüber aufregen. Danke vielmals.

 

Aber nun zum Beten. Schon bei Paris fand ich es abscheulich, dass dort das Beten so verunglimpft wurde. Warum? Der Vorwurf ist ja, es würde niemandem helfen, wenn man zu einer imaginären Person beten würde.

Ist das so?

Ob durch mein Gebet ein Mensch weniger leidet, dass lässt sich nicht beweisen. Die theologische Frage dazu ist übrigens: Wenn Gott Leid sowieso zulässt, ist ein Gebet dann die richtige Währung es zu verringern? Tauschen wir Gebete gegen Leid? Oder sollten es nicht unsere Worte zu anderen Menschen und unsere Taten an anderen Menschen Leid ganz konkret verringern? Zugegeben, Gebete an Gott die „Hilf den armen Menschen in Brüssel“ enthalten, würde ich als Gott doch sagen: „Hilf DU Ihnen!“ Denn im Grunde ist es nichts anderes, als würde ich mich bei Gott beschweren, IHN beschuldigen.

Nein, zu beten das Gott für uns etwas tut, was unsere Aufgabe wäre, das ist wenig hilfreich. Hier ist es wirklich eine Frage des Glaubens, ob Gott einschreitet.

Aber trotzdem verteidige ich das Beten. Und zwar ganz logisch. All das Schlimme was gerade passiert, die Probleme der fliehenden Menschen, das Keimen und Fruchten rassistischen Gedankenguts, die Anschläge, der Krieg, die lassen uns hilflos werden. Wir stehen da und wissen nicht was zu tun ist. Und so suchen wir Nebenkriegsschauplätze. Wir beschuldigen andere. Wir lenken die Aufmerksamkeit nach außen, um die Hilflosigkeit nicht spüren zu müssen. Wer beschäftigt sich schon gerne mit seiner eigenen Angst?

Aber wer betet, wer richtig betet, der beschäftigt sich mit sich selbst. Der gibt zu: „Ich habe Angst, ich fühle mich alleine, ich bin so hilflos, wenn ich all das Leid sehe.“

Und ob Gott nun imaginär ist oder nicht, das Bild was wir von Gott haben, unsere Vorstellung von ihm, die ist da, egal ob Gott existiert oder nicht. Sie spendet Trost, sie ist die Personifizierung von Liebe. Gläubige haben der Liebe in sich, dem Mitgefühl, der Hoffnung einen Namen gegeben. Für sie ist sie Gott. Und wenn sie in sich gehen wollen um Liebe, Mitgefühl und Hoffnung zu suchen uns zu finden, dann lasst sie das tun.

 

 

Retrospektrum

Was genau gerade so durch meinen Kopf geht lässt sich wenig in Worte fassen. Es ist so viel passiert. Es passiert immer noch so viel. Ich habe das Gefühl, Dinge aufholen zu müssen. Ich habe aber auch das Gefühl, gar nichts tun zu wollen. Zu rasten, statt zu rasen.

In etwa zwei Wochen ist es genau ein Jahr her, dass mein Chef mir relativ direkt und ohne Umschweife offenbarte, dass mein Vertrag nicht verlängert werden würde. Es sah düster aus. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Würde ich überhaupt abschließen und promovieren? Ich war mit meinen Nerven am Ende. Dachte ich.

Wie lange Nerven sein können weiß man nie. Es geht doch immer irgendwie alles. Und vor allem geht es immer wieder weiter. Vor etwa vier Wochen habe ich meine Doktorarbeit verteidigt. Sie ist nicht gut, aber sie ist fertig. Alles darin, wirklich alles, ist von mir. Ich stand vor einem Scherbenhaufen und habe es geschafft, die größten, schönsten Scherben herauszusuchen und daraus ein nutzbares, wenn auch nicht sonderlich ansehnliche Gefäß zu machen. Handwerklich war ich ja noch nie sonderlich begabt.

Ich bin doch erstaunt, wie lange das alles gedauert hat. Fast ein Jahr. Es kommt mir vor als sei es gestern gewesen, dass ich da in dem Glaskasten saß und erbarmungslos und ohne jegliches Mitgefühl offenbart bekam, dass es nun zu Ende sei. Es war eben noch lange nicht zu Ende. Das letzte Wort ist immer noch nicht gesprochen.

Ein paar Gedanken möchte ich dazu weiterhin verlieren, für euch zur Information, für mich zur Seelenhygiene.

  1. Doktorarbeiten erfordern Tribut. Immer. Ihr werdet Menschen verlieren – entweder weil sie euch schaden oder weil ihr ihnen schadet. Beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Spaßfakt: Der Mensch den ich damals als ersten anrief, an diesem Tag im September – er steht mir nun nicht mehr nahe, gar nicht mehr. Ganz zu schweigen von den Dingen, zu denen man nicht mehr kommt. Oder die Veranstaltungen, für die man keine Zeit hat.
  2. Es dauert immer länger. Alles dauert immer länger als man denkt. Straffe Zeitplanung geht im Normalfall schief. Lasst euch diese Zeit. Geht einfach davon aus, dass es mindestens drei Monate länger dauert. Setzt euch nicht unter Druck „bis dann“ fertig zu sein. „Fertig werden“ sollte als Ansporn reichen.
  3. Alles ist unfair. Doktorarbeiten sind nicht fair. Wenn jemand – gerade der Doktorvater – sagt, er sei bei Doktorarbeiten fair, dann ist er nur ein Lügner. Legt man an jede Doktorarbeit denselben Maßstab an, so müssen sie auch von derselben Stufe gestartet sein. Sind sie aber nie.
  4. Wer dich nach deiner Note fragt, ohne dass du selbst das Thema aufgebracht hast, ist nicht dein Freund. Sic est. (Vielleicht ausgenommen direkter Familie und Partner).
  5. Input != Output.
  6. Nach der Doktorarbeit ist es noch lange nicht vorbei. Bereitet euch auf 2-4 stressige Wochen vor. Es ist vielleicht auch ganz gut, langsam herunterzufahren und nicht nach dem ganzen Stress in ein leeres Loch zu fallen.
  7. Spare an allem, nur nicht am Schlaf.
  8. Man kann sich auf die Prüfung nicht vorbereiten. Prüfer sind seltsame Wesen. Sie stellen komische Fragen, denn sie verstehen meistens das Thema gar nicht. Man kann den Vortrag üben und alles zum Thema wissen – sie kommen mit Fragen, die so abwegig sind, dass man sich fragt wie diese hirnlosen Menschen an eine Professur kamen. Ganz ehrlich. Aus dem Meisten kann man sich übrigens rausreden, wenn man geschickt ist.
  9. Man fühlt sich größtenteils unverstanden. Jeder hat sein Päckelchen zu tragen, sagt man. Manche regulieren das extern, indem sie viel jammern – meistens bei Leuten mit größeren Päckelches, die aber ihre Situationen eher intern lösen und deswegen nach außen hin aussehen, als sei alles total leicht. Beide Arten von Menschen können mit demselben Unverständnis auftreten, nur anders. Die Jammernden jammern über sich selbst weiter, weil es Ihnen ja „auch so schlecht“ geht, die Stillen schauen einen verwundert an und sagen, es sei doch alles nicht so schlimm. Beides ging zumindest mir irgendwann brutal auf die Nerven. Den meisten Menschen fehlt sowieso das Verständnis für solche Sachen. Der Rest wird einem selbst nicht als verständig genug vorkommen. Das ist wahrscheinlich irrational und ungerecht den anderen gegenüber. So ein bisschen wie in der Pubertät.
  10. Das Abfallen des Stresses nach so langer Zeit ändert die eigene Haltung und die Wirkung auf andere dramatisch. Darauf sollte man vorbereitet sein. Man fühlt sich danach wie ein anderer Mensch.
  11. Der Tag der Prüfung ist purer Stress. Auch nach der Prüfung noch. Stellt jemandem ab der euch mit Essen und Trinken versorgt und euch Geschenke abnimmt. Ganz ehrlich. Ich selbst fühlte mich komplett überfahren und habe etwa eine Stunde rumgestanden und Leute umarmt und mir gratulieren lassen und wurde mit Dingen überhäuft die ich gar nicht begutachten konnte weil alles so viel war. Man wird aber erwartungsvoll angeschaut. Das macht einen fix und fertig, weil man niemandem gerecht wird. Außerdem fühlt man sich schuldig, weil man nicht allen ausreichend Danken kann. Lasst euch also von einer euch nahestehenden Person etwas betüddeln, was die Grundversorgung mit Wasser, Essen, Alkohol und freier Arme angeht.
  12. Alles kommt anders als man denkt. Ist ja immer so.

Die Angst vor der Angst

Es wird bald soweit sein. Ich werde in einen Raum gehen, einen Vortrag halten und dann Fragen beantworten.

Dann werde ich hinaus gehen und bin Doktor. Noch nicht formell, aber eigentlich schon.

Alles was in diesem Raum passiert ist eine Black Box. Es ist Schrödingers Prüfung. Solange ich nicht nachschaue, weiß ich nicht wie sie ist. Ich weiß nicht, ob mich doch Nervosität überkommt. Ich weiß nicht, was für Fragen auf mich zukommen. Ich weiß nicht, ob ich in der Situation meine Antworten parat habe, auch wenn ich sie weiß.

Ich habe in den letzten Wochen so viel gelernt, vieles ist ins Blut übergegangen. Es fühlt sich nicht mehr an als hätte ich es gelernt. Und das, was ich seit Monaten, seit Jahren weiß, weil ich es irgendwann mal gelernt habe, fühlt sich nicht an wie Wissen, welches ich „gelernt“ habe. Es ist wie Lesen können: Man weiß nicht, wie es war bevor man wusste, wie aus den Buchstaben ein sinnvolles Wort wird.

„Ist das überhaupt Wissen?“ frage ich mich?

Ich sagte zu einer Kollegin „ich weiß ja nicht, immer wenn ich Texte lese denke ich ‚das weiß ich doch schon!'“

Sie sagte, sie habe begonnen, Definitionen zu Begriffen abzudecken. Dann hätte sie gemerkt dass sie eben nicht beschreiben kann, was ein Tumorsuppressorgen ist.

Ich weiß natürlich, was ein Tumorsuppressoregen ist. Ich habe meine Masterarbeit darüber gemacht. Und über Onkogene. Sind das wirklich die Fragen die da kommen? Das ist doch soooo drittes Semester?! Natürlich verliert man Wissen über die Zeit. Aber ich habe so viel an gerade diesen beiden Themen gearbeitet, dass ich darüber nicht nachdenke wie ein abstrakter Begriff, sondern es fast greifen kann. Wie einen Baum, oder eine Tasse. Es sind reale Dinge, mit denen Gefühle verbunden sind, Eindrücke, Erinnerungen.

Ich bin nicht nervös. Nicht richtig. Ich sitze nicht da und schaue panisch auf die Uhr und zähle die Stunden, Minuten, Sekunden. Ich schlafe gut. Ich kann mich entspannen. Überhaupt nutze ich meinen freien Tage gerade auch dafür, mal auf der Couch zu liegen. Ich dachte erst, die ganze Arbeit hätte mich von der Nervosität abgelenkt. Aber vielleicht bin ich auch einfach nicht nervös. Angespannt, vielleicht. Aber ich habe Angst davor, nervös zu werden. Ich habe Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Ich habe Angst vor der Angst.

Mich hält die Gewissheit, dass danach alles vorbei ist. Das danach beginnt, was ich das letzte Jahr entbehrt habe. Mich halten die Freunde, die ich wieder besuchen kann. Mich hält die Freizeit, die ich wieder für mich selbst nutzen kann oder die ich teilen kann. Wie ich es möchte. Mich hält das Gefühl, ohne Schuldgefühl sinnfreie Dinge tun zu können, weil nichts wichtigeres drängt. Ich freue mich darauf, wieder für andere da sein zu können, wie meine Oma, der es gerade wieder schlechter geht. Ich warte gespannt darauf, was da nun alles neues kommt, welche Projekte auf mich zukommen. Ach, ihr solltet mich jetzt lächeln sehen.

Denn, ganz ehrlich, so lächelte ich das letzte Jahr über nicht. Und wohl auch nicht die drei Jahre davor. Ich war verbittert und unzufrieden. Jetzt bin ich voller Erwartung und freue mich auf das Leben „danach“:

weil ich meinen Chef hinter mir zurücklasse

weil meine Familie für mich da ist

weil meine Freunde immer noch meine Freunde sind, auch wenn sie mich in letzter Zeit missen mussten

weil noch viel, viel mehr als meine Diss jetzt hinter mir liegt

weil ich in nichtmal 8 Wochen gemerkt habe, wie es ist eine Chefin und einen Betreuer zu haben, die mich wertschätzen und das auch sagen.

weil noch so viel vor mir liegt

Ja, eigentlich hatte ich gesagt, ich bin nicht nervös. Ich bin aufgeregt. Ich muss nur noch einmal in diese Blackbox und dann geht es los.

🙂

Baywatch

Diese Situation hat wahrscheinlich andere Hintergründe als sie den Anschein hat. Ich will aber den Anschein erzählen, denn der amüsiert mich. Ich bitte darum, dies als Zuspitzung, als Glosse, zu lesen, nicht als faktischen Bericht. Wenn sich auch alle konkreten Aktionen genau so zugetragen haben.

Mein Ruder-Coach sieht verdammt gut aus. Das ist nun einmal so. Er ist nicht sonderlich groß, aber wie alle Ruderer nunmal breitschultrig im Vergleich zu einer eher schmaleren Hüfte und trainierten, aber nicht überdimensionalen Beinen. Nicht nur ich sehe das, auch meine weiblichen Ruderkolleginnen sind davon sichtlich angetan. Und ja, ich schaue mir das gerne an, wenn sich ein muskulöser Körper unter einem hellen Trainingsshirt abzeichnet. Es ist eine ästhetische Ansicht und ich finde sowas eben schön.

Ich weiß nicht, ob er damit kokettiert. Ich bin was Flirterei unglaublich schwer von Begriff, man(n) könnte da auch mit einer Steinstatue reden. Er ignoriert mich größtenteils, sowie im Boot als auch am Land und mir ist das schnuppe.

Es gibt aber zwei Damen, die mit ihrer Begeisterung nicht hinter dem Zaun halten. Sie sind ebenso verdammt gutaussehend. Groß, lange Beine, hellbraune Haare, sanduhrförmig. Die eine hat mit ihren mandelförmigen Augen einen leicht orientalischen Touch, die andere kommt mit ihrer sportlichen Art locker und natürlich rüber. Nicht die Art von Frau die ich persönlich attraktiv finde, aber beide sind bildhübsch.

Diese beiden Damen suchen gerne das Gespräch mit dem Coach. Sie nutzen viele Gelegenheiten dazu und versuchen auch, in dem Boot zu landen, dass er steuert. Oder er setzt sie mit Absicht da hinein. Was weiß denn ich.

Heute waren wir zu sechst. Ich stieg mit drei Herren in den Rennvierer. Die beiden Damen entschieden sich für den Zweier, auch wenn sie sich dabei deutlich unsicher gaben. „Was machen wir denn wenn wir reinfallen?!“

Wir zogen im Rennvierer davon und waren gerade zum Beginn des nächsten Kurses wieder am Steg. Als wir anlegen kommt uns der Coach im Kajak entgegen. Oben ohne, leicht glänzende, schweißnasse Haut. „Habt ihr den Zweier gesehen?“

Nein, haben wir seit dem Ablegen nicht mehr.

Der Coach paddelt im Kajak davon.

Und nun kommt die eigentliche Situation, die ich damit einleiten musste.

Da, der Retter, er zog aus, die gekenterten Mädchen zu suchen. Das Kajak rast stromabwärts, sucht den Zweier auf sechs Kilometern Neckar. Die Mannschaft und ich schauen uns an. „Joah, der ist dann mal mit unseren Spintschlüsseln abgezogen, ne?“, sage ich.

Also stehen wir selbst am Ufer, überlegen wo wir den Zweier das letzte mal sahen.

Das Kajak kommt, gerade noch so sichtbar, unter der nächsten Brücke zum halten. Der Zweier taucht hinter dem Pfeiler auf. Die beiden Damen fahren einen Zickzackkurs, kommen dann zum stehen. Es scheint einen kurzen Austausch zu geben, dann fahren sie wieder los. Kreuzend wie ein Segelschiff. Das Kajak begleitet sie eine Weile. Dann wird der Coach offensichtlich ungeduldig und fährt wieder Richtung Steg.

Man sollte dazu sagen, dass ein Zweier, noch dazu ein Rennzweier, deutlich bessere Hebelwirkung hat als ein Kajak. Es kommt natürlich ganz auf den Fahrstil an, aber egal. Ich will damit die Mädels nicht ob Ihrer Ruderkünste abwerten, sondern nur die mir ersichtliche Absurdität beschreiben.

Der halbnackte Coach kehrt also zum Steg zurück. Vom wilden Paddeln nass gespritzt, in den Haaren glänzende Tropfen Neckarwasser, kehrt er unverrichteter Dinge heim. Ein Baywatch-Star ohne Geretteten, ein Fischer ohne Fang.

„Sie haben PAUSE gemacht.“ Der Coach schüttelt den Kopf. Etwas leicht verächtliches ist seiner Stimme schon abzugewinnen. Die beiden hatten offensichtlich die Zeit aus den Augen verloren.

Wir beginnen sofort zu scherzen. Ob sie wohl an der Neckarwiese ausstiegen, auf ein Bier und eine Bratwurst bei den Grillflächen? Genossen sie den Ausblick unterhalb des Schlosses?

Die Mannschaft ist amüsiert.

Der Spintschlüssel lag übrigens die ganze Zeit am Steg.

Es gibt keine Moral von der Geschichte, ich finde sie nur schön und nunja, ein bisschen Erotik kann an diesen heißen Tagen nun auch nicht schaden.

Werkzeuge

Und dann gibt es diese seltenen Momente, in denen man das, was man anderen rät, auf sich selbst anwenden kann. Oder das, was man über andere denkt.

Da schreibt mich also eine Freundin an und erzählt mir von einer Stelle, auf die sie sich bewerben will. Und ich sage ihr dreimal „du kannst nicht verlieren“. Sie schreibt zurück „Das ist gerade dein Mantra, oder?“

Ja, in gewisser Weise. Da hat sie recht. Ich kann gerade nicht verlieren. Nicht was diese Promotion angeht. Wenn es vorbei ist, habe ich gewonnen.

Und jemand anderes schrieb, dass er sich auf ein Jobinterview vorbereitet. Ein wichtiger, toller Job. Und ich denke mir: Die Vorbereitung ist eigentlich nur eine Ablenkung von der eigentlichen Sache.

Und mir wird es sofort sehr klar.

Wir fürchten uns vor etwas, das uns unbekann ist. Oder wir sind nervös, weil wir etwas unbedingt wollen, aber Angst haben, dem nicht gewachsen zu sein.

Über unser Leben hinweg sammeln wir Werkzeuge. Und wir lernen es, diese anzuwenden. Wir haben sie und man kann sie uns nicht mehr nehmen. Diese Werkzeuge sind das Wissen, das wir uns aneignen.

Aber wenn wir nun irgendwo unser Können unter Beweis stellen wollen, dann benötigen wir eben nicht unbedingt, das Wissen. Wir müssen eher rüberbringen, was wir können. Übertragen heißt das, wir bringen zu einem Bewerbungsgespräch nicht das Werzeug mit, mit dem wir arbeiten, sondern vielleicht ein Bild von dem Haus das wir damit gebaut haben.

In meinem Habitat haben wir oft nichts handfestes vorzuweisen. Wir haben Präsentationen mit bunten Bildern. In meinem Habitat zählt also etwas anderes. Und das ist: die Person.

Integrität, Ausdrucksweise, Überzeugungskraft.

Die Menschen die uns überprüfen wissen von unserem Werkzeugkoffer. Sie wollen den Menschen sehen.

Es beruhigt aber ungemein, das Werkzeug vor dem großen Tag ordentlich zu polieren.

Schadet nicht.

Von Scham, Akzeptanz und dem Respekt

Ich habe heute den Beitrag von Robin gelesen. Und danach alle anderen 3 dazu. Die Beiträge über #fatshaming. Wie das halt heißt. Ich finde den Beitrag gut, aber den Begriff genauso panne, wie wenn man „refugees“ sagt statt „Flüchtlinge“. Aber was weiß ich denn.

Ja. Also. Robin beschreibt da ziemlich genau meine Geschichte. Gemobbt, gehänselt, unter anderem weil ich immer etwas kräftiger war. Bis zur 7. Klasse wog ich wahrscheinlich in etwa 5 kg mehr als der Durchschnitt. Ich war dafür immer sportlich. Meine Mutter und meine Schwester setzten mir allerdings genauso zu wie meine Klassenkameraden. Bei einem legendären Geburtstag sagte meine Schwester zu mir “ Friss nicht so viel, du wirst zu fett!“. Vor allen Freundinnen. Das war vielleicht… das war auch die Zeit unseres Umzugs. Und ich war, als Neuling, besonders das Ziel von Mobbern. Und den Schmerz durch das Mobben und den Schmerz der Trennung von meinen Freundinnen bekämpfte ich mit Schokolade.

Wie Robin versuchte ich, teilweise sehr radikal, abzunehmen. Und ich glaube, ich bin vielleicht sehr, sehr knapp an einer Essstörung vorbeigerauscht. Ausgerechnet durch mein Auslandsjahr in Amerika lernte ich, richtig zu essen. Ich war sehr schlank und machte viel Sport. Meine Gastmutter kochte jeden Tag frisch. Sie hat Diabetes und erklärte mir, dass ein Essen aus Protein, Stärke und Gemüse zu bestehen habe. Ich wusste das nicht. Meine Mutter kochte zum Mittagessen oft Ravioli, Pfannkuchen oder Nudeln. Ich mochte ja auch dieses Dampfkochtopfgemüse nicht, dass die Alternative gewesen wäre.

Egal. Ich habe sehr viel von diesem „Fatshaming“ mitbekommen. Und jedes Mal, wenn es wieder besonders schlimm war begann ich – ja – zu essen. Ich wollte das nicht. Das war meine Art, die Beleidigungen zu schlucken. So überstand ich die Oberstufe und auch das Bachelorstudium. Diverse Verletzungen an meinen Füßen taten ihr Übriges, denn ich konnte keinen Sport mehr machen.

Allerdings bedeutet das nicht, dass Eltern und Freunde im Unrecht waren, wenn sie mich auf mein Gewicht hinwiesen. Das Problem war, dass sie mich damit verletzten. Und zwar immer wieder auf’s Neue. Jeden einzelnen Tag. Es ging soweit, dass es sogar beim Weihnachtsessen passierte.

Ich bin Biologin. Zu dick sein ist nicht gesund. Zu hohe Kalorienzufuhr ist nicht gesund. Das ist richtig. Daher ist #FatAcceptance genauso falsch. Genauso mies. Es ist eine Lüge. Dicke sind nicht toll weil sie dick sind, haben schwere Knochen und schlechte Gene. Sie sind einfach krank! Entweder man futtert aus einem psychologischen Grund so viel, oder weil man nicht richtig mit Essen umzugehen gelernt hat. Und beides kann zu einer Spirale führen, beides begünstigt sich wieder gegenseitig. Das bedeutet nicht dass sie nicht liebe, nette Menschen sind, mit Gefühlen, genauso wertvoll und wichtig wie jeder andere auch.

 

Das Problem ist, dass beides, Shaming und Acceptance, falsch ist. Und das es etwas bezeugt, was immer öfter passiert. Menschen gehen mit sich selbst und anderen respektlos um. Sie arbeiten, rauchen, trinken und futtern sich in eine Volkskrankheit und ein jeder zeigt mit dem Finger auf die anderen. Selbstgerechtigkeit, auf beiden Seiten.

Lasst doch mal Platz für eure Fehler. Und lasst doch mal Platz für die Fehler von anderen.

Wer ohne Sünde sei…