Doktorarbeit

Die Angst vor der Angst

Es wird bald soweit sein. Ich werde in einen Raum gehen, einen Vortrag halten und dann Fragen beantworten.

Dann werde ich hinaus gehen und bin Doktor. Noch nicht formell, aber eigentlich schon.

Alles was in diesem Raum passiert ist eine Black Box. Es ist Schrödingers Prüfung. Solange ich nicht nachschaue, weiß ich nicht wie sie ist. Ich weiß nicht, ob mich doch Nervosität überkommt. Ich weiß nicht, was für Fragen auf mich zukommen. Ich weiß nicht, ob ich in der Situation meine Antworten parat habe, auch wenn ich sie weiß.

Ich habe in den letzten Wochen so viel gelernt, vieles ist ins Blut übergegangen. Es fühlt sich nicht mehr an als hätte ich es gelernt. Und das, was ich seit Monaten, seit Jahren weiß, weil ich es irgendwann mal gelernt habe, fühlt sich nicht an wie Wissen, welches ich „gelernt“ habe. Es ist wie Lesen können: Man weiß nicht, wie es war bevor man wusste, wie aus den Buchstaben ein sinnvolles Wort wird.

„Ist das überhaupt Wissen?“ frage ich mich?

Ich sagte zu einer Kollegin „ich weiß ja nicht, immer wenn ich Texte lese denke ich ‚das weiß ich doch schon!'“

Sie sagte, sie habe begonnen, Definitionen zu Begriffen abzudecken. Dann hätte sie gemerkt dass sie eben nicht beschreiben kann, was ein Tumorsuppressorgen ist.

Ich weiß natürlich, was ein Tumorsuppressoregen ist. Ich habe meine Masterarbeit darüber gemacht. Und über Onkogene. Sind das wirklich die Fragen die da kommen? Das ist doch soooo drittes Semester?! Natürlich verliert man Wissen über die Zeit. Aber ich habe so viel an gerade diesen beiden Themen gearbeitet, dass ich darüber nicht nachdenke wie ein abstrakter Begriff, sondern es fast greifen kann. Wie einen Baum, oder eine Tasse. Es sind reale Dinge, mit denen Gefühle verbunden sind, Eindrücke, Erinnerungen.

Ich bin nicht nervös. Nicht richtig. Ich sitze nicht da und schaue panisch auf die Uhr und zähle die Stunden, Minuten, Sekunden. Ich schlafe gut. Ich kann mich entspannen. Überhaupt nutze ich meinen freien Tage gerade auch dafür, mal auf der Couch zu liegen. Ich dachte erst, die ganze Arbeit hätte mich von der Nervosität abgelenkt. Aber vielleicht bin ich auch einfach nicht nervös. Angespannt, vielleicht. Aber ich habe Angst davor, nervös zu werden. Ich habe Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Ich habe Angst vor der Angst.

Mich hält die Gewissheit, dass danach alles vorbei ist. Das danach beginnt, was ich das letzte Jahr entbehrt habe. Mich halten die Freunde, die ich wieder besuchen kann. Mich hält die Freizeit, die ich wieder für mich selbst nutzen kann oder die ich teilen kann. Wie ich es möchte. Mich hält das Gefühl, ohne Schuldgefühl sinnfreie Dinge tun zu können, weil nichts wichtigeres drängt. Ich freue mich darauf, wieder für andere da sein zu können, wie meine Oma, der es gerade wieder schlechter geht. Ich warte gespannt darauf, was da nun alles neues kommt, welche Projekte auf mich zukommen. Ach, ihr solltet mich jetzt lächeln sehen.

Denn, ganz ehrlich, so lächelte ich das letzte Jahr über nicht. Und wohl auch nicht die drei Jahre davor. Ich war verbittert und unzufrieden. Jetzt bin ich voller Erwartung und freue mich auf das Leben „danach“:

weil ich meinen Chef hinter mir zurücklasse

weil meine Familie für mich da ist

weil meine Freunde immer noch meine Freunde sind, auch wenn sie mich in letzter Zeit missen mussten

weil noch viel, viel mehr als meine Diss jetzt hinter mir liegt

weil ich in nichtmal 8 Wochen gemerkt habe, wie es ist eine Chefin und einen Betreuer zu haben, die mich wertschätzen und das auch sagen.

weil noch so viel vor mir liegt

Ja, eigentlich hatte ich gesagt, ich bin nicht nervös. Ich bin aufgeregt. Ich muss nur noch einmal in diese Blackbox und dann geht es los.

🙂

Was man tun kann.

Eines der schwierigsten Dinge, die man in einer Stressphase meistern muss ist, wie man mit Menschen umgeht die es gut meinen.
Das Gegenteil von gut gemacht ist gutgemeint. Das sagt mein Vater immer. Ich weiß nicht woher er das hat, aber er hat recht.
Aber das ist auch unfair. Denn wie geht man dann damit um wenn ein Mensch, der einem am Herzen liegt durch eine schwere Zeit muss? Man möchte ja wirklich nur das Beste für ihn.

Ich habe einen guten Podcast abonniert, indem es eigentlich um Persönlichkeitsentwicklung und Personalführung geht. Dieser stellt eine These zu Motivation auf, die mir schlüssig erscheint und die ich gerne auf diese Situationen anwenden möchte. Er sagt, man kann nicht motivieren, denn Menschen sind bereits motiviert. Man kann nur aufhören sie zu demotivieren. In gewisser Weise also ihrer Motivation freien Lauf lassen.

So ist es auch mit Schweren Zeiten. Bei allem was kein konkretes Problem ist, alles was mit dem Umgang mit der Belastung zu tun hat, bei all diesem ist weniger oft mehr.
Da sind zum Beispiel gut gemeinte Ratschläge wie: „Ruh dich doch Mal aus.“ Ja, man würde sich gerne ausruhen. Aber gerade geht das eben nicht. Dieser Ratschlag reibt es einem nochmal unter die Nase. Hatte man nicht eben erst diese Gedanken verdrängt, dass man lieber schlafen würde als zu ackern? Hatte man sich nicht erst mit dem Schicksal angefreundet, dass Ruhe gerade nicht möglich ist?
Ein ähnlicher Hilfeversuch ist: „Komm wir machen was Schönes, du brauchst etwas Ablenkung.“ Ja! Nein! Da ist man gerade schön fokussiert und da soll man sich ablenken? All diese Disziplin wird nochmal getestet, dabei steht sie doch eh auf wackeligen Beinen. Das kostet Kraft.
Bei mir kamst erschwerend hinzu, dass ich gerne für Menschen da bin und das ich ungern ‚Nein‘ sage. Nochmal Kraftaufwand.

Wichtig ist vor allem Verständnis für die Situation. Wieso fällt jemandem diese Zeit so schwer? Wann ist das Problem eigentlich entstanden? Und Warum? Das sind keine einfachen Fragen. Wenn man sie stellt dann muss man zuhören. Man kann hier eventuelle Knackpunkte herausbekommen, aber dann muss man auch willens sein, diese durchzugehen. Das. Ist. Nicht. Einfach. Und der „Gestresste“ ist normalerweise auch nicht böse wenn man diese Fragen gar nicht erst stellt. Zum Einen sind sie unglaublich intim und erfordern deshalb schon einiges an vorhergehender Bindung; zum Anderen sind sie gerade für den Gestressten nicht einfach zu beantworten. Das kann sehr emotional sein.

Nein, viel bleibt da nicht. Das Wichtigste ist glaube ich, das Gefühl zu geben, dass man auf dem anderen wartet, ganz ohne Druck. Entspannt, mit Vorfreude, jemanden an Verstehen geben, dass er immer Willkommen ist.

Das ist ein bisschen wie: „Wir warten auf’s Christkind.“

Aufräumen

Gestern wäre ein schöner Tag gewesen um einen „Geschafft“ Beitrag zu schreiben. Und eigentlich hatte ich das auch vor. Aber ich hatte ein bisschen Freiheit wiedergwonnen und wollte das nutzen. Das bedeutet ich hab einen Abend damit verbracht, mit meinem neuen Tablet zu daddeln. Aber der Reihe nach.

Samstag morgens war wie immer Rudern. Das war wirklich angenehm weil wir nicht so viele waren. Dann habe ich mir meinen Traditions-Samstags-Döner geholt, bin auf die Arbeit gefahren, habe ihn dort gefuttert und dann meinen Platz aufgeräumt. Ich habe ja bereits geschrieben wie wichtig so eine Bench im Alltag ist. Sie ist auch sehr personalisiert. Meistens hängen da Comics, auch mal Fotos oder kleine Helferlein. Von diversen Lösungen die man immer wieder braucht hat man eine kleine Abfüllung (ein Aliquot) rumstehen.

Genau diese Lösungen habe ich gestern aussortiert. Was unwichtig und billig war habe ich entsorgt (Wasser, Blot- und SDS-Puffer). Was unwichtig und teurer war habe ich meinen Kolleginnen hingestellt, immer jenen von denen ich meinte sie könnten es am ehesten gebrauchen. Was wichtig und wirklich teuer war kam wieder zurück an den Ursprungsort – das sind meistens Antikörper, Inhibitoren und andere Chemikalien die wir für unsere Versuche brauchen. Das alleine hat eine Stunde gedauert. Dann habe ich grob einige Proben weggeworfen, die ich gewiss nicht mehr brauchen werde. Ein paar Antibiotikatests zum Beispiel.

Ich habe auch die Comics und Fotos entfernt. Alle. Und meine Helferlein habe ich vererbt.

Die Postdoc hat die Antikörper-Tabelle bekommen (von welchem Tier, wieviel, in welcher Lösung…) auf die sie eh häufiger als ich geschaut hat,

Die neue Kollegin bekam meine Gel-Tabelle. Wie man verschieden-prozentige Gele gießt. Denn sie war die einzige die mein System verstand. Meine Codonsonne bekam sie ebenfalls.

Die Azubi bekommt die Markertabelle. Weil sie sich einfach den Marker nicht merken kann.

Eine weitere Kollegin bekommt meine Kristallviolett-Lösungen.

Die Herren gingen derweil leer aus, ich habe einfach nichts was die gebrauchen könnten.

Außerdem habe ich endlich alle meine Aktenordner ins Office gebracht. Da werde ich im neuen Jahr noch aussortieren müssen.

Aber an meiner Bench habe ich die meisten meiner Spuren beseitigt.

Ich habe sie verteilt.

Es fühlt sich gut an.

Zu hause bin ich dann mit Tablet, The Cave und Whisky versackt.

T=0

Was mir fehlen wird

Morgen ist der letzte reguläre Tag, den ich im Labor verbringen werde. Ich muss Samstag nochmal rein, wahrscheinlich werde ich doch nochmal etwas arbeiten müssen, aber das ist okay, denn am abend werde ich dann meinen Platz aufräumen, alles was ich ganz sicher nicht mehr braucht wegschmeißen, dann die Tür schließen und gehen.

Es führt leider kein Weg daran vorbei, dass ich nächstes Jahr noch ein paar Dinge machen muss, aber ich mache keine neuen Versuche, ich werte sie nur (nochmal) aus.

Und dann war es das. Und viele Sachen werde ich ganz glücklich hinter mir lassen. Den Druck, die Kommentare meines Chefs, die schwergängigen Pipetten, die lauten Geräte, die furchtbaren Farben der neunziger Jahr, den chronischen Platzmangel, das Kantinenessen mit der Extraportion Öl, die 7 Jahre alten Computer…

Aber ich werde auch Dinge vermissen.

Meinen Laborarbeitsplatz zum Beispiel. Meine Bench. Eine Bench ist immer ein bisschen individuell. Als ich not Platz unter der Bench hatte für die Beine war sie noch cooler, jetzt sitze ich fast im Spagat auf meinem Hocker vor der Bench, wenn ich mal länger was arbeiten muss. Ich hatte den Kühlschrank mit den wichtigsten Materialien direkt unter der Bench, das war praktisch. Ich habe aus Heftklemmen Haltungen für Dispenserspitzen und Pinzetten gebaut und aus Kabeln eine für die Scheren. Ich habe erst Anfang diesen Jahres endlich eine eigene Absaugpumpe bekommen und eine Minizentrifuge. Überhaupt sind Zentrifugen direkt am Platz das Geilste.

Parafilm werde ich vermissen. Parafilm ist eine bessere Art von Frischhaltefolie, isr aber dehnbar und passt sich an die Oberflächen an. So ist es wirklich dicht. Ich frage mich, weshalb wir sowas nicht in der Küche haben. Hmm..

Die Aloe Vera Handschuhe. Seitdem sie jetzt die Handschuhe gewechselt haben muss ich meine Hände öfter eincremen. Durch die vielen Desinfizierungen sind die natürlich immer angegriffen. Wir hatten ehemals Handschuhe die die Hände gepflegt haben, aber die haben angeblich zu viel Latex.

Den Laborkittel. Ich muss sagen es ist eine Hassliebe. Der Laborkittel schränkt einen in der Kleidungsauswahl schnell ein. Pullis oder gar Sweatshirts darunter sind ganz unangenehm. Röcke können sich hinten am Laborkittel hochschieben. Genau so ist es mit T-Shirts. Wenn man mal ein etwas kürzeres anhat und nicht aufpasst steht man plötzlich bauchfrei da. Und häufig kommen Kittel löchriger und bunter zurück aus der Wäsche als vorher. Dafür habe ich Taschen für alles. Ich habe immer ein paar Handschuhe dabei, Stifte, Zettel, Taschenrechner…

Zellkultur. Zellen hegen und pflegen macht Spaß. Es ist ein bisschen wie ein Haustier was man bei Bedarf wegfrieren kann.

Nukularzeug. Ich habe nicht so viel radioaktiv gearbeitet. Ich habe in Amerika mal ein bisschen mit Tritium rumgespielt und jetzt durfte ich halt meine Zellen bestrahlen. Aber es ist irgendwie cool.

Immunfluoreszenzen. Genau damit werde ich noch eine Weile spielen dürfen. Aber es ist einfach unglaublich cool, direkt zu sehen was in einer Zelle passiert. Wir Biologen messen ja meistens eher abstrakt. Immunfluoreszenzen sind und Farbe und leuchten bunt.

T-2

Nebenwirkungen

Ich hatte gestern einen Beitrag begonnen und dann traf mich plötzlich eigentlich vorhersehbar eine harte Migräne und ich beschloss das Bett zu hüten. Lustigerweise wollte ich eigentlich darüber bloggen, was der Körper eigentlich bei einer Doktorarbeit, vor allem aber nicht nur in den letzten Zügen, mitmacht.

 

Migräne:

Stellt euch vor, ihr arbeitet direkt neben eurem Gefrierschrank. Moment, ihr habt ungefähr 10 von diesen Gefrierschränken und sie kühlen nicht auf -20 sondern auf -80°C. Das sind unsere Gefrierschränke auf dem Flur, die eine wundervolle Geräuschkulisse bilden. Dazu piept alle paar Minuten irgendwas: Ein Timer, eine Zentrifuge, ein Schüttler. Eine Pumpe rattert, eine Lüftung dröhnt, ein Power Pack surrt, die PCR-Maschine fiept auf einer knapp hörbaren Frequenz. Mittlerweile ist es etwas besser geworden, denn die Baustelle vor der Tür arbeitet nicht mehr so laut. Dazu habt ihr Temperaturschwankungen von -20, 4, 20 und 37°C. Und verbringt immer mal wieder längere oder kürzere Zeit in komplett dunklen Räumen, die einzige Lichtquelle ist ein Monitor (Laser-Mikroskop) oder Rotlicht (Dunkelkammer). Und das alles zusammen. Das ist meine Umgebung. Und sie fordert ihren Tribut. Mein Körper zeigt mir das mit Migräne, die Licht- und Geruchsempfindlichkeit, Übelkeit und eben pochende Kopfschmerzen beinhalten, manchmal zusammen mit Sichtstörungen, aber nur selten. Gestern war es so schlimm, dass ich wimmernd mit dem Rad heimfuhr und bei jeder winzigen Unebenheit zusammenzuckte. Erst wurde es zu Hause noch etwas besser und dann war das einzig Mögliche die Fötushaltung im Bett.

 

Träume:

Wo wir gerade bei Schlafen sind: Ich träume extrem intensiv. Nichts davon ergibt wirklich Sinn, also ich träume nicht von Bergbesteigungen oder Seiltänzen, die eine unangenehme Situation darstellen würden, aber ich träume sehr „echt“. In der Nacht von Samstag auf Sonntag träumte ich beispielsweise, mit einem Bekannten den ich noch nie live gesehen habe zu einer Dombesichtung verabredet zu sein. Wir trafen uns dort im Domgarten, redeten, dann wollte ich aber den Zug nach Hause nehmen. Auf dem Weg zurück fand ich einen weiteren Dom (der Begriff Dom ist in meinem Kopf, es sah mehr aus wie eine Kapelle), in der bunte, am Boden liegende Darstellungen von Eseln zu sehen waren und dieser Dom war auch irgendwie einem Esel gewidmet.

In einem weiteren Traum lebte ich in einem Haus von ca 1900 und betrachtete unter anderem die Spielzeuge dort. Ich war eine ganze Weile in diesem Haus in der Nähe eines Sees, aber an mehr erinnere ich mich jetzt nicht mehr.

Sollte jemand elaborierte, lustige oder fundierte Deutungen von so etwas haben: Immer her damit.

 

Magen:

Man sollte meinen, ich äße mit dem Stress weniger. Das stimmt nicht, kalorisch ist es wahrscheinlich etwa das Gleiche. Sehr interessant sind aber Hungerlöcher, in die ich immer mal wieder falle. Wirklich plötzlich auftretendes – oder nur plötzlich bemerktes – Hungergefühl. Das mag auch an meinen deutlich Häufigeren Naschereien liegen. Weihnachten erhöht den Schokoladenkonsum noch mehr. Das ist auch nicht immer angenehm für den Magen und gerade giere ich gerade zu nach frischem Gemüse und Obst.

 

Beine:

Meine Beine tun weh. Meine Waden sind verspannt, und abends kitzeln sie immer wieder, als seien sie eingeschlafen und wieder erwacht. Ich stehe sehr viel, laufe sehr viel herum, das merke ich. Morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit ist anstrengender als zurück.

 

Arme/Schultern/Nacken:

Das war schon immer ein Trauerspiel. Durch die nicht wirklich vorhandenen Schreibplätze und der schwergängigen Pipetten haben sich die Beugermuskeln und Sehnen im rechten Arm stark verkürzt. Es ist mittlerweile nicht mehr witzig, wie weh das tut. Ich mache morgens und abends Übungen dagegen und auch zwischendurch ab und an. Ich habe für den rechten Ellenbogen eine Manschette, aber beim Pipettieren hilft das nur bedingt. Wie viel Kraft man dafür braucht fiel mir auf, als ich im Praktikum Schüler betreute, die noch nie pipettiert hatten. Ich konnte, wie meine Kollegen auch, die Pipettenspitze mit dem Daumen über einen Hebel einfach abschnipsen. So sind die Pipetten auch gebaut. Die Schüler konnten das nicht. Sie mussten beide Hände zum abschnipsen nehmen.

Die rechte Brustmuskulatur hat sich ebenso verkürzt und verhärtet. Das ist einmal im Monat besonders schmerzhaft und war so krass dass ich sogar zur Frauenärztin bin. War aber nur eine Verkettung unglücklicher Umstände und kein Grund zur Sorge.

 

Erkältung:

Ich bin seit 3 Monaten topgesund, was meine Nebenhöhlen angeht. Also, für meine Verhältnisse. Eigentlich wäre längst die Zeit für 1-2, früher eher 4-5 Erkältungen gewesen. Aber es ist alles ruhig, also, so im Vergleich. Das bedeutet wohl, dass sich mein Körper das für die Feiertage aufbewahrt. Ein bisschen läuft die Nase, wenn es dabei bleibt ist’s gut.

 

Haut:

Meine Haut reagiert immer als erstes auf Stress. Und zwar hält sie sich dann für deutlich jünger als sie ist, nämlich so 14, 15. Momentan geht mir mein Aussehen zwar am Allerwertesten vorbei, aber es ist eben trotzdem unangenehm und so ein fieser Pickel tut dann gerne auch noch weh, damit jeder was davon hat: Die, die einen anschauen müssen und man selbst eben auch. Das ist übrigens schon länger so, aber in Anbetracht dessen, dass ich Bewergungsfotos machen lassen wollte, war ich dann doch mal wieder bei einer Kosmetikerin, die bei einem Hautarzt arbeitet. Vielleicht hilft das ja auf die Dauer.

 

Psyche:

Das meiste was ich so durchmache schreibe ich ja hier. Versagensängste und Selbstzweifel und Reizbarkeit, ein ständiges Balancieren zwischen Apathie und Emotionalität. Willkommen in meinem Kopf.

Ich habe gerade erst wieder gehört, dass die Lebensgefährtin eines Freundes ihre Doktorarbeit wegen Depressionen abgebrochen hat. Ich kenne weitere, meines Erachtens depressive oder zumindest derzeit depressiv-verstimmte Doktoranden. Ob das wirklich so ist können nur sie selbst sagen.

 

Bei anderen mag das anders sein. Ich weiß von einigen wo es ähnlich ist. Je nach Fachgebiet unterscheidet sich das sicherlich auch, aber ich gehe stark davon aus dass es bei den meisten ebenso körperliche Symptome gibt.

T-5

Weihnachtschreit und Nächstenhiebe

Hui, der Beitrag gestern ging ab wie eine Rakete. Das freut mich. Da scheint Bedarf an medizinisch-ethischen Fragen zu sein, bzw die Zerlegung eben derer. Das freut mich um so mehr (und ich werde das in Erwägung ziehen wenn die heiße Schreiphase rum ist).

Ich komme zu Unerfreulicherem, nämlich der Situation im Labor.

Der Vertrag des gerade promovierten Doktoranden läuft Ende des Jahres aus. Der Chef möchte ihn eigentlich gerne behalten, denn da ist noch eine Revision zu machen. Der Gute hat sich aber auch zu spät arbeitssuchend gemeldet, das beduetet wenn es keine Verlängerung gibt muss er einen Monat mit verkürzten Mitteln rechnen. Und so von heute auf morgen (und kurz vor Weihnachten) arbeitslos zu werden ist ja nun auch nicht gerade nett. Und ich glaube er hat mehr Schiss davor als er zugeben will. Aber er ist der sogenannte Golden Boy. Während sich Kolleginnen zuvor Urlaub zum Lernen nehmen mussten (und von 20 Tagen Urlaub 10 fürs Lernen zu opfern ist schon happig) bekam er einen Monat Zeit dafür, einfach so, als Home Office.

Jetzt regte er sich zurecht über die Situation auf, dass er nicht weiß wie es weiter geht. Und er meinte, wenn er bis Montag nichts von einem Vertrag gehört habe, würde er Urlaub nehmen. Und es sei ja wohl fies, denn er habe noch recht viel Resturlaub. Ich sagte zu ihm, er habe ja 20 Tage „Urlaub“ zum Lernen gehabt. Da wurde er schon schnippisch, er habe ja auch an Revisions gearbeitet. Was überhaupt kein Argument für oder gegen irgendwas ist, ich habe es mehr als Seitenhieb „Du hast ja kein Paper“ verstanden.

Ich habe übrigens 13 Tage Resturlaub in diesem Jahr. Von 20. Ich werde davon natürlich keinen einzigen mehr nehmen Und nein, wir kriegen ihn nicht ausgezahlt. Und nein, es is nicht meine Schuld dass ich kein Paper habe.

Ich weiß nicht was mich daran gerade mehr ärgert: Dass er seinen Frust an mir auslässt, oder dass er, als privilegierter -denn er ist ja bereits promoviert- bei mir rumjammert.

Und die Tatsache dass Leute über ihre Zukunft so im Unklaren gelassen werden regt mich auch auf.

Dann ist da noch die Azubi, die zwischen de ganzen niedlichen Tierbabyvideos und den Whatsapp-Chats wirklich gut arbeitet. Nun möchte sie das auch um die Feiertage herum tun. Bei uns können die Tage um die Feiertage mit Überstunden ausgeglichen werden. Das ist auch das einzige Mal im Jahr dass das geht. Sie möchte aber weder Urlaub nehmen noch Überstunden machen. Als Azubi darf sie aber nicht alleine arbeiten. Sie zwingt also meine Kollegin (im oberen Comic übrigens #2) auch zu kommen, weil diese ihre Betreuerin ist.

Die Krönung des Ganzen ist, dass eben diese Kollegin nicht nur im Labor sondern auch privat mit Arbeit zugemüllt wird. Während ihre Mutter im Krankenhaus liegt und ihr Bruder ja „keine Zeit hat“ ist sie also diejenige die sich kümmert. Der Vater ist anfang des Jahres gestorben, ihre Cousine ist auch schwer krank. Nein, tauschen möchte ich mir ihr nicht.

Ich werde schauen dass ich sie zumindest Montags morgens vertrete oder so.

Beide, der Kollege und die Azubi, sind einfach blind für die Probleme anderer. Hat der Kollege in all dieser Zeit Verständnis für meine Situation gezeigt? Nein, er findet es derzeit sogar lustig weiter zu sticheln. Er kann froh sein, dass es mir gerade am Arsch vorbei geht.

Hat die Azubi auch nur minimalst in Erwägung gezogen, dass die Welt nicht immer so ist, wie sie sie gerne hätte? Nein, sie beschwert sich auch noch wenn sie für ihre Prüfung lernen muss. Sie kann froh sein, dass wir das auf der Arbeit zulassen.

Und wer mich sonst noch aufregt muss ich ja nicht extra sagen. Heute hat er über einen ehemaligen Kollegen hergezogen, als glaube er, wir würden nicht mehr mit dem reden.

T-8

Mein kleiner Kommentar zu @Glaubenssache

Die Laborarbeit ist eine gute Gelegenheit, um Podcasts zu hören. Ich höre zwar schon seit ca 7 Jahren Podcasts, aber seitdem es mit den iPodTouch Geäten (oder den Smartphones) möglich ist, Podcasts on the Go herunterzuladen hat es wirklich stark zugenommen.

Gerade begann ein neuer Podcast, in dem sich Alex Hoaxmaster Waschkau und Eduard Habsburg über Religion und Ethik unterladen.

Ich mag das. Ich mag Philosophie, Ethik und ja, auch Religion. Gerade Biologie stößt heute immer wieder an ethische Grenzen. Und um die Ethik zu verstehen braucht man auch ein biologisches Wissen.

Wann zum Beispiel ist ein Mensch tot? Diese Frage war vor 100 Jahren sehr einfach. Keine Atmung, kein Herzschlag. Heute haben wir den Hirntote: Atmende Menschen, mit Herzschlag – aber sie sind tot und wir hätten gerne ihre Organe um andere Menschen zu retten. Und so operieren Ärzten an lebenden Körpern, nehmen ihnen das Herz aus der Brust und geben es anderen. Wir wissen, das hirntote Menschen tot sind. Doch für die Ärzte die operieren und nicht zuletzt die Familien ist das etwas ganz anderes.

Noch viel schwieriger ist es zu entscheiden wann ein Mensch lebt. In der ersten Folge Glaubenssache sagt Alex, dass für Eduard Stammzellen Leben seien. Mir juckte es da furchtbar in den Fingern. Es geht mir hier um die Terminologie, die aber wichtig ist zum Verständnis der Sache an sich. Es geht nicht darum ob embryonale Stammzellen Leben sind. Natürlich leben sie! Meine Hela-Zellen, meine Brustkrebszellen, meine embryonalen Nierenzellen: Sie tun es ebenso! Die Eizellen, die Spermien: Sie beide leben ebenso, wie das befruchtete Ei. Die wichtige Frage ist: Wann ist es ein Mensch?

Ich bin mir sehr sicher, dass Eduard das so meint. Ich muss es nur für mich irgendwo richtig gestellt haben und vielleicht liest er das hier und nickt. Die katholische Kirche hat in ihrem Konservativismus etwas begriffen das wir verdrängen weil wir es bereits haben: Menschliches Leben ist kostbar und schützenswert. Die Frage ist aber: Bis zu welchem Preis. Und wenn wir drohen es zu verlieren, wie weit gehen wir dann?

Nur eine von drei befruchteten Eizellen wird zu einem Kind heranwachsen, weil einfach noch so viel schief gehen kann – ganz ohne Zutun von Außen. Deshalb werden bei künstlicher Befruchtung einer Frau auch gleich mehrere Embryonen eingepflanzt. Es werden überhaupt schon mehere Embryonen „hergestellt“. Der Überschuss wird meines Wissens eingefroren. Und wohl nie wieder aufgetaut. Auch so eine ethische Frage.

Etwas anderes das Eduard erwähnt ist NFP, natürliche Familienplanung. Ich hielt das früher für bescheuert, ich weiß heute, dass es tatsächlich hochwissenschaftlich ist. Und nebenwirkungsfrei. Tatsächlich ist die Eizelle der Frau nach dem Eisprung nämlich sehr schnell nicht mehr befruchtungsfähig und wenn man diesen Zeitpunkt sehr genau bestimmen kann ist diese Methode so sicher wie andere Verhütungsmittel. Sich bei der Familienplanung auf den Zyklus der Frau zu verlassen verlangt unglaublich viel Respekt und Vertrauen. Ich kenne aber mittlerweile mehrere Paare die sich darauf verlassen, niemand davon ist streng katholisch.

Dazu muss ich aber auch sagen, dass Sex eben schon lange nicht mehr hauptsächlich der Fortpflanzung dient. Er festigt viel mehr die Bindung zwischen den Partnern, die nunmal eine wichtige Grundlage für das gemeinsame Aufziehen -und eben nicht primär der Entstehung- von Kindern ist. (Ich meine das evolutionsbiologisch, Evolution erfordert Nachkommen, Paare ohne Kinder können sich aber sicherlich ebenso eine bessere Bindung für andere gemeinsame Projekte erhoffen.) Gerade erst waren katholische Ehepaare bei Bischöfen (ich weiß nicht genau welche Kongregation das nun schon wieder war) und erzählten ihnen etwas von Liebe, Sex und Zärtlichkeit. Ich bin gespannt was da jetzt noch passiert.

T-9

Passend zu dem heutigen Thema und eine Brücke schlagend zur tickenden Uhr von schwierigen Projekten heute etwas was ich gestern zusammen mit meinem Chor gesungen habe. Eines des schönsten Adventslieder, wie ich finde.

Noch mehr Haltung wahren

Eigentlich wollte ich schon gestern konkreter werden, aber dann brach es doch emotional ein bisschen aus mir raus. Ich wollte ein bisschen erklären, wie genau es diese letzten Wochen so einigermaßen annehmbar hinter mich gebracht habe. Einfach zusammengefasst. For the Record.

Schlaf:

Es ist das Wichtigste. Ich habe versucht, meinen Schlafrhytmus möglichst wenig zu ändern. Ich bin ein notorischer Spät-ins-Bett-Geher und ich mag es nícht früh aufzustehen. Da ich ja flexible Arbeitszeiten habe (höhö) habe ich versucht mindestens 7 Stunden hinzubekommen. Ging nicht immer, aber meistens. Und ich schlafe auch meistens gut. Wenn es nicht geht mit Grübeleien höre ich Hörbücher. Eigentlich höre ich meistens Hörbücher und zwar jene, die ich in- und auswendig kenne. Es darf ja nicht spannend sein.

Ich habe den morgen auch immer sehr langsam begonnen. Das mache ich seit eh und je. Lieber ein paar Minuten früher aufstehen, dafür aber noch Zeit für nen Kaffee und etwas Ruhe.

Essen:

Ich habe mir für das Mittagessen immer Zeit genommen. Es ist meine Pause im Tag. Es ist eine kleine Insel im Heckmeck. Ich versuche, da einen Kompromiss zwischen „Viel Gemüse, fett- und kohlenhydratarm“ und „hauptsach es schmeckt“ zu finden. Es gab in der Kantine des Öfteren für mich Burger, dafür habe ich zu Hause eher das Gegenteil gekocht. Ich habe auch für Essen am Abend gesorgt. Das ist aber leider auch gerne mal eine 5-Minuten-Terrine gewesen. Und Süßes gab und gibt es sowieso zu Hauf.

Sport:

Wenn man mir mit 12 mal gesagt hätte dass ich mal sportlich sein würde, ich hätte es nicht geglaubt. Aber ich mache gerne Sport, nur sicherlich nicht den Scheiß der in der Schule angeboten wurde. Mein Rudersamstag ist mir heilig. Meine Yogastunde ist mir ebenso wichtig gerade. Ich habe mich ja in Anbetracht dessen was da auf mich zu kam extra dafür angemeldet. Und es ist eine gute Entscheidung gewesen. Ich habe vor ein paar Wochen auch angefangen, morgens etwas Yoga zu machen und auch das tut mir sehr gut. Ich gehe viel gesetzter in den Tag.

Gefühle fühlen:

In jeder stressigen Phase kommen immer wieder Gedanken auf, die unangenehm sind. „Wie soll ich das alles schaffen?“ „Wieso ich?“ „Warum?!?!“

Es wäre falsch das zu unterdrücken. Es sind Ängste, es sind Zweifel an sich selbst, es ist Wut, es ist Hass, es ist Resignation. Und das muss raus. Denn wenn wir unsere Gefühle raus lassen, dann können wir sie auch gehen lassen. Und ja ich sage ganz offen dass ich geheult habe. Dass ich immer und immer wieder Selbstzweifel habe und hatte. Dass ich am liebsten alles und jeden anschreien würde, dass ich am liebsten aufgeben würde. Und wenn ich das mir selbst gestanden hatte ging es besser.

Es ist wohl eine Mischung aus Achtsamkeit und Mitgefühl mir sich selbst. Achtsamkeit, bzw Achtsamkeitsmeditation, lässt Gefühle kommen und gehen, bewertet diese aber nicht, sondern registriert sie nur. Mitgefühl zeigt Verständnis. Mitgefühl verurteilt nicht. Mitgefühl nimmt an.

Man kann das innerhalb der Meditation erfahren, oder auch im Gebet. Man kann auch so wie ich hier alles niederschreiben. Oder mit Menschen darüber sprechen.

Es ist übrigens etwas anderes als Jammern.

Auszeiten:

Ich habe mir Auszeiten genommen. Die wollte ich alleine verbringen. Ich bin sonst ein geselliger Mensch. Ich mag es nicht, abends alleine zu Hause rumzugammeln. Jetzt mag ich das schon. Ich hab Serien geschaut und Dokus oder gekocht. Ich war natürlich auch unterwegs, ich war auf geselligen Abenden, ich habe weiterhin mit Menschen kommuniziert – aber weniger als sonst.

Menschen:

Es geht nichts über Menschen, die die eigene Situation verstehen. Es gibt da nur sehr wenige die das können. Ich habe das unendliche Glück, dass es in meiner Familie Leute gibt, die das bereits durchgemacht haben. Denn es ist wie in der Pubertät: Niemand versteht dich.

Wie absurd es für Leute klingt, wie sehr mich die letzten Wochen mitgenommen haben merke ich an meiner Mutter. Die einfach nicht versteht, dass es stressig ist. Dass mich Kommentare wie „na, so wichtig ist das doch nicht“, „arbeite doch nicht so viel“, „mach doch mal ne Pause“ oder „dann lass es doch“, nicht weiter bringen.

Und wenn es Menschen gibt, die dich verstehen – oder die es nicht verstehen aber sich damit abfinden es nicht zu verstehen – dann sollte man sich sehr, sehr glücklich schätzen.

Prioritäten:

Ich habe in den letzten Wochen stark priorisiert. Es gab Dinge und Menschen und Gelegenheiten, für die nahm ich mir Zeit.

Der Rest hat Zeit.

T-11