Freunde

Die Angst vor der Angst

Es wird bald soweit sein. Ich werde in einen Raum gehen, einen Vortrag halten und dann Fragen beantworten.

Dann werde ich hinaus gehen und bin Doktor. Noch nicht formell, aber eigentlich schon.

Alles was in diesem Raum passiert ist eine Black Box. Es ist Schrödingers Prüfung. Solange ich nicht nachschaue, weiß ich nicht wie sie ist. Ich weiß nicht, ob mich doch Nervosität überkommt. Ich weiß nicht, was für Fragen auf mich zukommen. Ich weiß nicht, ob ich in der Situation meine Antworten parat habe, auch wenn ich sie weiß.

Ich habe in den letzten Wochen so viel gelernt, vieles ist ins Blut übergegangen. Es fühlt sich nicht mehr an als hätte ich es gelernt. Und das, was ich seit Monaten, seit Jahren weiß, weil ich es irgendwann mal gelernt habe, fühlt sich nicht an wie Wissen, welches ich „gelernt“ habe. Es ist wie Lesen können: Man weiß nicht, wie es war bevor man wusste, wie aus den Buchstaben ein sinnvolles Wort wird.

„Ist das überhaupt Wissen?“ frage ich mich?

Ich sagte zu einer Kollegin „ich weiß ja nicht, immer wenn ich Texte lese denke ich ‚das weiß ich doch schon!'“

Sie sagte, sie habe begonnen, Definitionen zu Begriffen abzudecken. Dann hätte sie gemerkt dass sie eben nicht beschreiben kann, was ein Tumorsuppressorgen ist.

Ich weiß natürlich, was ein Tumorsuppressoregen ist. Ich habe meine Masterarbeit darüber gemacht. Und über Onkogene. Sind das wirklich die Fragen die da kommen? Das ist doch soooo drittes Semester?! Natürlich verliert man Wissen über die Zeit. Aber ich habe so viel an gerade diesen beiden Themen gearbeitet, dass ich darüber nicht nachdenke wie ein abstrakter Begriff, sondern es fast greifen kann. Wie einen Baum, oder eine Tasse. Es sind reale Dinge, mit denen Gefühle verbunden sind, Eindrücke, Erinnerungen.

Ich bin nicht nervös. Nicht richtig. Ich sitze nicht da und schaue panisch auf die Uhr und zähle die Stunden, Minuten, Sekunden. Ich schlafe gut. Ich kann mich entspannen. Überhaupt nutze ich meinen freien Tage gerade auch dafür, mal auf der Couch zu liegen. Ich dachte erst, die ganze Arbeit hätte mich von der Nervosität abgelenkt. Aber vielleicht bin ich auch einfach nicht nervös. Angespannt, vielleicht. Aber ich habe Angst davor, nervös zu werden. Ich habe Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Ich habe Angst vor der Angst.

Mich hält die Gewissheit, dass danach alles vorbei ist. Das danach beginnt, was ich das letzte Jahr entbehrt habe. Mich halten die Freunde, die ich wieder besuchen kann. Mich hält die Freizeit, die ich wieder für mich selbst nutzen kann oder die ich teilen kann. Wie ich es möchte. Mich hält das Gefühl, ohne Schuldgefühl sinnfreie Dinge tun zu können, weil nichts wichtigeres drängt. Ich freue mich darauf, wieder für andere da sein zu können, wie meine Oma, der es gerade wieder schlechter geht. Ich warte gespannt darauf, was da nun alles neues kommt, welche Projekte auf mich zukommen. Ach, ihr solltet mich jetzt lächeln sehen.

Denn, ganz ehrlich, so lächelte ich das letzte Jahr über nicht. Und wohl auch nicht die drei Jahre davor. Ich war verbittert und unzufrieden. Jetzt bin ich voller Erwartung und freue mich auf das Leben „danach“:

weil ich meinen Chef hinter mir zurücklasse

weil meine Familie für mich da ist

weil meine Freunde immer noch meine Freunde sind, auch wenn sie mich in letzter Zeit missen mussten

weil noch viel, viel mehr als meine Diss jetzt hinter mir liegt

weil ich in nichtmal 8 Wochen gemerkt habe, wie es ist eine Chefin und einen Betreuer zu haben, die mich wertschätzen und das auch sagen.

weil noch so viel vor mir liegt

Ja, eigentlich hatte ich gesagt, ich bin nicht nervös. Ich bin aufgeregt. Ich muss nur noch einmal in diese Blackbox und dann geht es los.

🙂

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Weil jedes Leben zählt

Mit den neuen Tests ist es einfacher, genetische Krankheiten bereits vor der Geburt zu diagnostizieren. Das stand so heute im Internet.

Wir reden von Töten, wir reden von ungewollten Kindern. Während wir aber verächtlich auf jene blicken, die einen Embryo oder einen Fötus mit Behinderung haben abtreiben lassen schauen wir genauso verächtlich auf jene Kinder, die blieben. Und auf ihre Eltern.

Wir haben keine Inklusion. Wir schieben Menschen mit Behinderung ab, wir sondern sie aus. Überall wird ihnen das Leben schwer gemacht. Ob das nun nicht Behinderten-gerechte Straßenbahnen sind oder Touchscreenautomaten die Blinde nicht bedienen können. Gerade erst haben wir bemerkt dass das falsch ist und gerade erst haben wir begonnen etwas zu ändern.

Ich saß in einer Klasse mit einem Mädchen im Rollstuhl. Sie war/ist sehr nett. Ich habe als ihre Banknachbarin und lange auch Freundin viel von ihrem Leben mitbekommen. Ich weiß, dass sie Tena Lady benutzt hat, wenn der Schultag lang war. Dass sie ihre Hüft-OP auf die Klassenfahrt gelegt hat. Dass sie in Freistunden nicht „mal eben“ dahin konnte wohin sie wollte, weil überall Treppen, Türen, $Hürden waren. Wir hatten keinen Aufzug zu den Fachräumen und mussten sie dort hochtragen. Das sollte ja wohl kein Problem sein? Versetzt euch da einmal in ihre Lage, bitte.

Mein Cousin hat das Down-Syndrom. Er ist ein liebenswerter, toller Mensch. Ich habe ihn sehr gern. Als seine Mutter ihn gebar, hetzte ihr Schwiegervater gegen sie, es sei ihre Schuld. Ihr Mann sagte zu mir mal – in einem anderen Zusammenhang – „Wo kommen wir denn hin, wenn wir unsere eigenen Kinder töten?“. Ja, wo kommen wir dann hin? Und das sagt er, nach über 30 Jahren mit einem Kind mit Behinderung. Während seine jüngeren Geschwister aus dem Haus sind, studieren, die Welt bereisen, braucht mein Cousin dieselbe Zuwendung wie als er fünf war. Und die wird er weiterhin brauchen. Jeden. Einzelnen. Tag.

Denkt da jemand dran? Wer hilft da? Was ist mit dem Leben der Eltern? Was mit dem der Geschwister? Ja, das ist eine provokante Frage. Jeder muss sie für sich selbst beantworten. Mein Onkel und meine Tante haben das bereits.

Vor ca 35 Jahren las meine Mutter eine Anzeige in der Zeitung. „Mutter mit behindertem Kind sucht Freundin.“ Oder so. Sie schrieb die Anzeige, weil sie 24 Stunden am Tag mit der Pflege des Kindes beschäftigt war und keine Zeit hatte andere Mütter kennenzulernen. Meine Mutter beantwortete die Anfrage. Sie sind bis heute gut befreundet. Der Sohn dieser Freundin liegt nur da. Und schreit. Ich weiß nicht genau was er hat. Und nachdem sich diese Freundin endlich von ihrem schlagenden Mann getrennt hat ist sie nun alleinerziehend. Mit drei Söhnen, zwei aus dem Haus, einer wird für immer bleiben. Wer hilft ihr denn?

Ich finde es heuchlerisch, auf Eltern zu hetzen die ein Kind mit Behinderung abgetrieben haben, wenn wir keine Gesellschaft sind die Menschen mit Behinderungen und deren Eltern willkommen heißt.

Kinder mit Behinderungen sind nicht nur die drolligen kleinen Knubbel. Sie brauchen Liebe, sie brauchen Pflege. Sie brauchen Aufopferung. Sie werden mehr als andere Kinder im Krankenhaus sein, mehr als andere Kinder der Missgunst anderer ausgesetzt sein, mehr Probleme haben in allen Bereichen.

Wir könnten da sehr einfach viel ändern.

Wir sollten damit anfangen, nicht zu urteilen.

Was man tun kann.

Eines der schwierigsten Dinge, die man in einer Stressphase meistern muss ist, wie man mit Menschen umgeht die es gut meinen.
Das Gegenteil von gut gemacht ist gutgemeint. Das sagt mein Vater immer. Ich weiß nicht woher er das hat, aber er hat recht.
Aber das ist auch unfair. Denn wie geht man dann damit um wenn ein Mensch, der einem am Herzen liegt durch eine schwere Zeit muss? Man möchte ja wirklich nur das Beste für ihn.

Ich habe einen guten Podcast abonniert, indem es eigentlich um Persönlichkeitsentwicklung und Personalführung geht. Dieser stellt eine These zu Motivation auf, die mir schlüssig erscheint und die ich gerne auf diese Situationen anwenden möchte. Er sagt, man kann nicht motivieren, denn Menschen sind bereits motiviert. Man kann nur aufhören sie zu demotivieren. In gewisser Weise also ihrer Motivation freien Lauf lassen.

So ist es auch mit Schweren Zeiten. Bei allem was kein konkretes Problem ist, alles was mit dem Umgang mit der Belastung zu tun hat, bei all diesem ist weniger oft mehr.
Da sind zum Beispiel gut gemeinte Ratschläge wie: „Ruh dich doch Mal aus.“ Ja, man würde sich gerne ausruhen. Aber gerade geht das eben nicht. Dieser Ratschlag reibt es einem nochmal unter die Nase. Hatte man nicht eben erst diese Gedanken verdrängt, dass man lieber schlafen würde als zu ackern? Hatte man sich nicht erst mit dem Schicksal angefreundet, dass Ruhe gerade nicht möglich ist?
Ein ähnlicher Hilfeversuch ist: „Komm wir machen was Schönes, du brauchst etwas Ablenkung.“ Ja! Nein! Da ist man gerade schön fokussiert und da soll man sich ablenken? All diese Disziplin wird nochmal getestet, dabei steht sie doch eh auf wackeligen Beinen. Das kostet Kraft.
Bei mir kamst erschwerend hinzu, dass ich gerne für Menschen da bin und das ich ungern ‚Nein‘ sage. Nochmal Kraftaufwand.

Wichtig ist vor allem Verständnis für die Situation. Wieso fällt jemandem diese Zeit so schwer? Wann ist das Problem eigentlich entstanden? Und Warum? Das sind keine einfachen Fragen. Wenn man sie stellt dann muss man zuhören. Man kann hier eventuelle Knackpunkte herausbekommen, aber dann muss man auch willens sein, diese durchzugehen. Das. Ist. Nicht. Einfach. Und der „Gestresste“ ist normalerweise auch nicht böse wenn man diese Fragen gar nicht erst stellt. Zum Einen sind sie unglaublich intim und erfordern deshalb schon einiges an vorhergehender Bindung; zum Anderen sind sie gerade für den Gestressten nicht einfach zu beantworten. Das kann sehr emotional sein.

Nein, viel bleibt da nicht. Das Wichtigste ist glaube ich, das Gefühl zu geben, dass man auf dem anderen wartet, ganz ohne Druck. Entspannt, mit Vorfreude, jemanden an Verstehen geben, dass er immer Willkommen ist.

Das ist ein bisschen wie: „Wir warten auf’s Christkind.“