Gegenwart

Vergessene Freundschaften

Ich hielt und halte mich schon immer für eine gute Freundin. Ich bin der Mensch, der da ist, wenn es hart auf hart kommt. Ich gehe da gerne mal über Stock und Stein. Denn wenn mir jemand wichtig ist, dann hat er das verdient.

Ich gebe auch nicht so schnell auf. Ich hab mich von manchen Menschen immer wieder verletzen, ausnutzen lassen – nur um wieder bereits zu stehen, wenn es wieder irgendwo knallte.

Aber ich habe in den letzten zwei Jahren viel gelernt. Ich habe gelernt, wie stark ich alleine bin. Und ich habe gemerkt, wer wirklich für mich da war wenn ich eben nicht stark war. Vielleicht lege ich da die hohen Ansprüche, die ich an mich selbst habe, an andere an. Das ist unfair, denn ich bin so unfassbar sehr streng mit mir.

In den letzten Wochen musste ich hinnehmen, für andere Menschen nicht so wichtig zu sein. Ich musste auch hinnehmen, hintergangen zu werden. Ich habe auch erkannt, einfach vergessen worden zu sein. Ich habe gesehen, wie Einzelpersonen Druck ausüben, um ihren Willen zu bekommen.

Wäre dies nur bei einer Person gewesen, ich weiß nicht ob ich so reagieren würde wie jetzt. Nein, es waren einige. Jeder hat mich auf seine ganz eigene Weise verletzt. Dabei wurde vergessen was man gemeinsam an einer Freundschaft hatte, vergessen, dass man füreinander da war, oder vergessen, dass ich für sie da war. Die ständigen Forderungen ihrerseits haben sie ebenso vergessen. Wenn ich liefere, warum sollten sie liefern?

Ja, gewiss. Die letzten Jahre haben mich geändert. Nein, ich habe mich verändert. Ich will nicht mehr hinnehmen, ich will gegenhalten dürfen. Ich will nicht mehr liefern, ich will fordern dürfen. Ich will geben, aber ich will nicht, dass mir genommen wird. Ich will an einer Freundschaft wachsen, aber ich will nicht, dass nur einer von uns wächst.

Das ist wohl meine ganz eigene Emanzipation.

Und vielleicht werde ich endlich erwachsen.2016-02-23 17.24.34

We can rule you wholesale

Es gibt wohl kaum einen Menschen, der die Welt besser begreift als Sir Terry Pratchett. Gottseidank wurde er Autor und nicht Staatsmann – die Welt wäre erneut unter britischer Kolonialherrschaft*.

Ich hörte heute durch einen Zufall erneut die Nationalhymne von Ankh-Morpork, die da heißt:

„We own all your helmets, we own all your shoes
We own all your generals – touch us and you’ll lose.“

Ich musste dann doch sehr stark an die Waffenlieferungen denken. Oder daran, wie die USA selbst im mittleren Osten Kriege finanzierten und sich den Terror selbst erschufen. In einer gewissen Weise spielt er diese ewigen Konflikte zweier unversöhnlicher Seiten immer wieder neu zwischen Zwergen und Trollen aus – die selbst nicht mehr wissen wer den Konflikt anzettelte und sich gegenseitig in einen Hinterhalt lockten.

Pratchett nimmt auch immer wieder Bezug auf Rassismus, den er allerdings als Speziezismus bezeichnet. Neben dem Troll-Zwerg-Konflikt gibt es Angst vor den Golems, die den Leuten die Arbeit weggenehmen würden, die Vampire und Werwölfe, die herumlaufen wie „richtige Menschen“ („They walk around like real people!“).

Kulturelle Konflikte werden in Ankh-Morpork meistens über die Zwerge vermittelt. Während die „Deep Downer“ lieber unter der Stadt in Minen und Schächten bleiben gibt es plötzlich moderne Zwerge die sich an die Kultur in Ankh-Morpork anpassen. Und es gibt sogar Zwerginnen! Die Zwerge, die zuvor eine Kultur lebten in der das Geschlecht privat war, sehen sich auf einmal Weiblichkeit ausgesetzt.

Oh. Und natürlich Feminismus. Während in Monstrous Regiment Frauen versteckt an der Front kämpfen zeichnet sich in diversen Büchern (Equal Rites, Making Money) ein mehr oder weniger subtiler Feminismus ab. Überhaupt hat Pratchett ein Faible für starke Frauenfiguren, wie sich an den Hexen-Romanen gut zeigen lässt, in denen Hexen überall ihre Nase reinstecken. Im Grunde sind es aber immer Frauen, die einfach „ihr Ding“ machen, unbeirrt von Konventionen.

Der wütende Pegida-Mob, wie er hier durch die Lande zieht, er könnte aus einem Pratchettbuch stammen. Genau so, eine Ironie ihrer selbst, hätte er sie beschrieben.

 

„The Devil hardly ever made anyone do anything. He didn’t have to.“

 

 

*Wobei Fünf-Uhr-Tee eine sehr gute Erfindung ist.

Was mir fehlen wird

Morgen ist der letzte reguläre Tag, den ich im Labor verbringen werde. Ich muss Samstag nochmal rein, wahrscheinlich werde ich doch nochmal etwas arbeiten müssen, aber das ist okay, denn am abend werde ich dann meinen Platz aufräumen, alles was ich ganz sicher nicht mehr braucht wegschmeißen, dann die Tür schließen und gehen.

Es führt leider kein Weg daran vorbei, dass ich nächstes Jahr noch ein paar Dinge machen muss, aber ich mache keine neuen Versuche, ich werte sie nur (nochmal) aus.

Und dann war es das. Und viele Sachen werde ich ganz glücklich hinter mir lassen. Den Druck, die Kommentare meines Chefs, die schwergängigen Pipetten, die lauten Geräte, die furchtbaren Farben der neunziger Jahr, den chronischen Platzmangel, das Kantinenessen mit der Extraportion Öl, die 7 Jahre alten Computer…

Aber ich werde auch Dinge vermissen.

Meinen Laborarbeitsplatz zum Beispiel. Meine Bench. Eine Bench ist immer ein bisschen individuell. Als ich not Platz unter der Bench hatte für die Beine war sie noch cooler, jetzt sitze ich fast im Spagat auf meinem Hocker vor der Bench, wenn ich mal länger was arbeiten muss. Ich hatte den Kühlschrank mit den wichtigsten Materialien direkt unter der Bench, das war praktisch. Ich habe aus Heftklemmen Haltungen für Dispenserspitzen und Pinzetten gebaut und aus Kabeln eine für die Scheren. Ich habe erst Anfang diesen Jahres endlich eine eigene Absaugpumpe bekommen und eine Minizentrifuge. Überhaupt sind Zentrifugen direkt am Platz das Geilste.

Parafilm werde ich vermissen. Parafilm ist eine bessere Art von Frischhaltefolie, isr aber dehnbar und passt sich an die Oberflächen an. So ist es wirklich dicht. Ich frage mich, weshalb wir sowas nicht in der Küche haben. Hmm..

Die Aloe Vera Handschuhe. Seitdem sie jetzt die Handschuhe gewechselt haben muss ich meine Hände öfter eincremen. Durch die vielen Desinfizierungen sind die natürlich immer angegriffen. Wir hatten ehemals Handschuhe die die Hände gepflegt haben, aber die haben angeblich zu viel Latex.

Den Laborkittel. Ich muss sagen es ist eine Hassliebe. Der Laborkittel schränkt einen in der Kleidungsauswahl schnell ein. Pullis oder gar Sweatshirts darunter sind ganz unangenehm. Röcke können sich hinten am Laborkittel hochschieben. Genau so ist es mit T-Shirts. Wenn man mal ein etwas kürzeres anhat und nicht aufpasst steht man plötzlich bauchfrei da. Und häufig kommen Kittel löchriger und bunter zurück aus der Wäsche als vorher. Dafür habe ich Taschen für alles. Ich habe immer ein paar Handschuhe dabei, Stifte, Zettel, Taschenrechner…

Zellkultur. Zellen hegen und pflegen macht Spaß. Es ist ein bisschen wie ein Haustier was man bei Bedarf wegfrieren kann.

Nukularzeug. Ich habe nicht so viel radioaktiv gearbeitet. Ich habe in Amerika mal ein bisschen mit Tritium rumgespielt und jetzt durfte ich halt meine Zellen bestrahlen. Aber es ist irgendwie cool.

Immunfluoreszenzen. Genau damit werde ich noch eine Weile spielen dürfen. Aber es ist einfach unglaublich cool, direkt zu sehen was in einer Zelle passiert. Wir Biologen messen ja meistens eher abstrakt. Immunfluoreszenzen sind und Farbe und leuchten bunt.

T-2

Nebenwirkungen

Ich hatte gestern einen Beitrag begonnen und dann traf mich plötzlich eigentlich vorhersehbar eine harte Migräne und ich beschloss das Bett zu hüten. Lustigerweise wollte ich eigentlich darüber bloggen, was der Körper eigentlich bei einer Doktorarbeit, vor allem aber nicht nur in den letzten Zügen, mitmacht.

 

Migräne:

Stellt euch vor, ihr arbeitet direkt neben eurem Gefrierschrank. Moment, ihr habt ungefähr 10 von diesen Gefrierschränken und sie kühlen nicht auf -20 sondern auf -80°C. Das sind unsere Gefrierschränke auf dem Flur, die eine wundervolle Geräuschkulisse bilden. Dazu piept alle paar Minuten irgendwas: Ein Timer, eine Zentrifuge, ein Schüttler. Eine Pumpe rattert, eine Lüftung dröhnt, ein Power Pack surrt, die PCR-Maschine fiept auf einer knapp hörbaren Frequenz. Mittlerweile ist es etwas besser geworden, denn die Baustelle vor der Tür arbeitet nicht mehr so laut. Dazu habt ihr Temperaturschwankungen von -20, 4, 20 und 37°C. Und verbringt immer mal wieder längere oder kürzere Zeit in komplett dunklen Räumen, die einzige Lichtquelle ist ein Monitor (Laser-Mikroskop) oder Rotlicht (Dunkelkammer). Und das alles zusammen. Das ist meine Umgebung. Und sie fordert ihren Tribut. Mein Körper zeigt mir das mit Migräne, die Licht- und Geruchsempfindlichkeit, Übelkeit und eben pochende Kopfschmerzen beinhalten, manchmal zusammen mit Sichtstörungen, aber nur selten. Gestern war es so schlimm, dass ich wimmernd mit dem Rad heimfuhr und bei jeder winzigen Unebenheit zusammenzuckte. Erst wurde es zu Hause noch etwas besser und dann war das einzig Mögliche die Fötushaltung im Bett.

 

Träume:

Wo wir gerade bei Schlafen sind: Ich träume extrem intensiv. Nichts davon ergibt wirklich Sinn, also ich träume nicht von Bergbesteigungen oder Seiltänzen, die eine unangenehme Situation darstellen würden, aber ich träume sehr „echt“. In der Nacht von Samstag auf Sonntag träumte ich beispielsweise, mit einem Bekannten den ich noch nie live gesehen habe zu einer Dombesichtung verabredet zu sein. Wir trafen uns dort im Domgarten, redeten, dann wollte ich aber den Zug nach Hause nehmen. Auf dem Weg zurück fand ich einen weiteren Dom (der Begriff Dom ist in meinem Kopf, es sah mehr aus wie eine Kapelle), in der bunte, am Boden liegende Darstellungen von Eseln zu sehen waren und dieser Dom war auch irgendwie einem Esel gewidmet.

In einem weiteren Traum lebte ich in einem Haus von ca 1900 und betrachtete unter anderem die Spielzeuge dort. Ich war eine ganze Weile in diesem Haus in der Nähe eines Sees, aber an mehr erinnere ich mich jetzt nicht mehr.

Sollte jemand elaborierte, lustige oder fundierte Deutungen von so etwas haben: Immer her damit.

 

Magen:

Man sollte meinen, ich äße mit dem Stress weniger. Das stimmt nicht, kalorisch ist es wahrscheinlich etwa das Gleiche. Sehr interessant sind aber Hungerlöcher, in die ich immer mal wieder falle. Wirklich plötzlich auftretendes – oder nur plötzlich bemerktes – Hungergefühl. Das mag auch an meinen deutlich Häufigeren Naschereien liegen. Weihnachten erhöht den Schokoladenkonsum noch mehr. Das ist auch nicht immer angenehm für den Magen und gerade giere ich gerade zu nach frischem Gemüse und Obst.

 

Beine:

Meine Beine tun weh. Meine Waden sind verspannt, und abends kitzeln sie immer wieder, als seien sie eingeschlafen und wieder erwacht. Ich stehe sehr viel, laufe sehr viel herum, das merke ich. Morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit ist anstrengender als zurück.

 

Arme/Schultern/Nacken:

Das war schon immer ein Trauerspiel. Durch die nicht wirklich vorhandenen Schreibplätze und der schwergängigen Pipetten haben sich die Beugermuskeln und Sehnen im rechten Arm stark verkürzt. Es ist mittlerweile nicht mehr witzig, wie weh das tut. Ich mache morgens und abends Übungen dagegen und auch zwischendurch ab und an. Ich habe für den rechten Ellenbogen eine Manschette, aber beim Pipettieren hilft das nur bedingt. Wie viel Kraft man dafür braucht fiel mir auf, als ich im Praktikum Schüler betreute, die noch nie pipettiert hatten. Ich konnte, wie meine Kollegen auch, die Pipettenspitze mit dem Daumen über einen Hebel einfach abschnipsen. So sind die Pipetten auch gebaut. Die Schüler konnten das nicht. Sie mussten beide Hände zum abschnipsen nehmen.

Die rechte Brustmuskulatur hat sich ebenso verkürzt und verhärtet. Das ist einmal im Monat besonders schmerzhaft und war so krass dass ich sogar zur Frauenärztin bin. War aber nur eine Verkettung unglücklicher Umstände und kein Grund zur Sorge.

 

Erkältung:

Ich bin seit 3 Monaten topgesund, was meine Nebenhöhlen angeht. Also, für meine Verhältnisse. Eigentlich wäre längst die Zeit für 1-2, früher eher 4-5 Erkältungen gewesen. Aber es ist alles ruhig, also, so im Vergleich. Das bedeutet wohl, dass sich mein Körper das für die Feiertage aufbewahrt. Ein bisschen läuft die Nase, wenn es dabei bleibt ist’s gut.

 

Haut:

Meine Haut reagiert immer als erstes auf Stress. Und zwar hält sie sich dann für deutlich jünger als sie ist, nämlich so 14, 15. Momentan geht mir mein Aussehen zwar am Allerwertesten vorbei, aber es ist eben trotzdem unangenehm und so ein fieser Pickel tut dann gerne auch noch weh, damit jeder was davon hat: Die, die einen anschauen müssen und man selbst eben auch. Das ist übrigens schon länger so, aber in Anbetracht dessen, dass ich Bewergungsfotos machen lassen wollte, war ich dann doch mal wieder bei einer Kosmetikerin, die bei einem Hautarzt arbeitet. Vielleicht hilft das ja auf die Dauer.

 

Psyche:

Das meiste was ich so durchmache schreibe ich ja hier. Versagensängste und Selbstzweifel und Reizbarkeit, ein ständiges Balancieren zwischen Apathie und Emotionalität. Willkommen in meinem Kopf.

Ich habe gerade erst wieder gehört, dass die Lebensgefährtin eines Freundes ihre Doktorarbeit wegen Depressionen abgebrochen hat. Ich kenne weitere, meines Erachtens depressive oder zumindest derzeit depressiv-verstimmte Doktoranden. Ob das wirklich so ist können nur sie selbst sagen.

 

Bei anderen mag das anders sein. Ich weiß von einigen wo es ähnlich ist. Je nach Fachgebiet unterscheidet sich das sicherlich auch, aber ich gehe stark davon aus dass es bei den meisten ebenso körperliche Symptome gibt.

T-5

Noch mehr Haltung wahren

Eigentlich wollte ich schon gestern konkreter werden, aber dann brach es doch emotional ein bisschen aus mir raus. Ich wollte ein bisschen erklären, wie genau es diese letzten Wochen so einigermaßen annehmbar hinter mich gebracht habe. Einfach zusammengefasst. For the Record.

Schlaf:

Es ist das Wichtigste. Ich habe versucht, meinen Schlafrhytmus möglichst wenig zu ändern. Ich bin ein notorischer Spät-ins-Bett-Geher und ich mag es nícht früh aufzustehen. Da ich ja flexible Arbeitszeiten habe (höhö) habe ich versucht mindestens 7 Stunden hinzubekommen. Ging nicht immer, aber meistens. Und ich schlafe auch meistens gut. Wenn es nicht geht mit Grübeleien höre ich Hörbücher. Eigentlich höre ich meistens Hörbücher und zwar jene, die ich in- und auswendig kenne. Es darf ja nicht spannend sein.

Ich habe den morgen auch immer sehr langsam begonnen. Das mache ich seit eh und je. Lieber ein paar Minuten früher aufstehen, dafür aber noch Zeit für nen Kaffee und etwas Ruhe.

Essen:

Ich habe mir für das Mittagessen immer Zeit genommen. Es ist meine Pause im Tag. Es ist eine kleine Insel im Heckmeck. Ich versuche, da einen Kompromiss zwischen „Viel Gemüse, fett- und kohlenhydratarm“ und „hauptsach es schmeckt“ zu finden. Es gab in der Kantine des Öfteren für mich Burger, dafür habe ich zu Hause eher das Gegenteil gekocht. Ich habe auch für Essen am Abend gesorgt. Das ist aber leider auch gerne mal eine 5-Minuten-Terrine gewesen. Und Süßes gab und gibt es sowieso zu Hauf.

Sport:

Wenn man mir mit 12 mal gesagt hätte dass ich mal sportlich sein würde, ich hätte es nicht geglaubt. Aber ich mache gerne Sport, nur sicherlich nicht den Scheiß der in der Schule angeboten wurde. Mein Rudersamstag ist mir heilig. Meine Yogastunde ist mir ebenso wichtig gerade. Ich habe mich ja in Anbetracht dessen was da auf mich zu kam extra dafür angemeldet. Und es ist eine gute Entscheidung gewesen. Ich habe vor ein paar Wochen auch angefangen, morgens etwas Yoga zu machen und auch das tut mir sehr gut. Ich gehe viel gesetzter in den Tag.

Gefühle fühlen:

In jeder stressigen Phase kommen immer wieder Gedanken auf, die unangenehm sind. „Wie soll ich das alles schaffen?“ „Wieso ich?“ „Warum?!?!“

Es wäre falsch das zu unterdrücken. Es sind Ängste, es sind Zweifel an sich selbst, es ist Wut, es ist Hass, es ist Resignation. Und das muss raus. Denn wenn wir unsere Gefühle raus lassen, dann können wir sie auch gehen lassen. Und ja ich sage ganz offen dass ich geheult habe. Dass ich immer und immer wieder Selbstzweifel habe und hatte. Dass ich am liebsten alles und jeden anschreien würde, dass ich am liebsten aufgeben würde. Und wenn ich das mir selbst gestanden hatte ging es besser.

Es ist wohl eine Mischung aus Achtsamkeit und Mitgefühl mir sich selbst. Achtsamkeit, bzw Achtsamkeitsmeditation, lässt Gefühle kommen und gehen, bewertet diese aber nicht, sondern registriert sie nur. Mitgefühl zeigt Verständnis. Mitgefühl verurteilt nicht. Mitgefühl nimmt an.

Man kann das innerhalb der Meditation erfahren, oder auch im Gebet. Man kann auch so wie ich hier alles niederschreiben. Oder mit Menschen darüber sprechen.

Es ist übrigens etwas anderes als Jammern.

Auszeiten:

Ich habe mir Auszeiten genommen. Die wollte ich alleine verbringen. Ich bin sonst ein geselliger Mensch. Ich mag es nicht, abends alleine zu Hause rumzugammeln. Jetzt mag ich das schon. Ich hab Serien geschaut und Dokus oder gekocht. Ich war natürlich auch unterwegs, ich war auf geselligen Abenden, ich habe weiterhin mit Menschen kommuniziert – aber weniger als sonst.

Menschen:

Es geht nichts über Menschen, die die eigene Situation verstehen. Es gibt da nur sehr wenige die das können. Ich habe das unendliche Glück, dass es in meiner Familie Leute gibt, die das bereits durchgemacht haben. Denn es ist wie in der Pubertät: Niemand versteht dich.

Wie absurd es für Leute klingt, wie sehr mich die letzten Wochen mitgenommen haben merke ich an meiner Mutter. Die einfach nicht versteht, dass es stressig ist. Dass mich Kommentare wie „na, so wichtig ist das doch nicht“, „arbeite doch nicht so viel“, „mach doch mal ne Pause“ oder „dann lass es doch“, nicht weiter bringen.

Und wenn es Menschen gibt, die dich verstehen – oder die es nicht verstehen aber sich damit abfinden es nicht zu verstehen – dann sollte man sich sehr, sehr glücklich schätzen.

Prioritäten:

Ich habe in den letzten Wochen stark priorisiert. Es gab Dinge und Menschen und Gelegenheiten, für die nahm ich mir Zeit.

Der Rest hat Zeit.

T-11

Trolleranz

Nach diesem Plakat zur ARD/ZDF-Themenwoche und zig Rants dazu – und die Erinnerung daran, dass Toleranz ja nur eine Erduldung sei – möchte ich nur kurz meine Sicht der Dinge anreißen. Es geht auch weniger um die Themenwoche (die interessiert mich nicht, hab gerade anderes zu tun) und auch nicht um das Plakat – das soll provokant sein, ich finde es doof und fühle mich in keinster Weise angesprochen. Mir geht es mehr um das Miteinander.

Toleranz ist der erste Schritt zur Akzeptanz. Wem immer mit dem drohenden Zeigefinger gesagt wird, er muss jetzt akzeptieren dass andere Menschen nunmal eben anders sind, der wird das ganz sicher nicht tun. Also zumindest ich werde dann bockig. Ich muss nicht toll finden, dass jemand schwul ist, ich muss nicht die tollen Chancen in Konversationen mit Menschen mit Behinderungen sehen. Ich muss in einem Menschen mit Migrationshintergrund nicht die exotische Bereicherung sehen. Und wenn ein Kind im Flugzeug schreit muss ich nicht ständig nachdenken dass da ja unsere Zukunft ruft.

Was ich muss ist, den Menschen dahinter sehen. Ein Homosexueller sucht genauso nach Liebe und Zuneigung wie ich. Ein behinderter Mensch möchte einfach nur seinen Alltag meistern, wie ich. Ein fremder Mensch möchte sich einfach nur zu Hause und willkommen fühlen, so wie ich. Und Kinder sind einfach nur schützenswerte kleine Menschen, die genauso sind wie ich einst war.

Für mich ist die Diskussion darum unlogisch. Wir müssen nicht diskutieren ob Menschen Menschen sind.

Wir müssen diskutieren, wie wir Menschen am besten wie Menschen behandeln können.

Hilfe, Verzicht und Gummibärchen

Ich bin ein netter Mensch.

Ich sage das nicht nur so. Und ich sage es über mich, wie ich sagen würde dass ich ein Mensch mit einer Nase oder mit zwei Ohren bin. Es gehört zu meinem Naturell. Ich weiß, dass manche Menschen mich erstmal mit diesem Wort beschreiben. Das kommt daher, dass ich gerne für andere Menschen da bin, ihnen zuhöre und das was sie mir erzählen nicht werte.

Aber für andere Menschen da sein, zuzuhören, Rat zu geben, sie zu verstehen – das kostet Zeit. Das kostet Kraft. Und das habe ich gerade nicht.

Es mag für manche Leute trivial sein, die Bitte nach Hilfe abzulehnen. Ich kenne genug Leute, für die es das einfachste der Welt ist. Die sich nichts dabei denken. Für mich ist das schwer.

Obwohl meine Kollegen wissen, dass ich im Labor nur rotiere, bitten sie mich um Hilfe. „Kannst du mir die E-Mail-Signatur einstellen?“ „Wieso funktioniert der Ton nicht?“ „Kannst du mein Poster abhängen?“ Jede einzelne, kleine Gefallen ist nicht viel. Alle zusammen sind es viele.

„Hast du nicht Zeit? Du musst dich ja auch mal entspannen!“, höre ich öfter. Und es ist lieb gemeint. Aber „Nein“ sagen zu müssen – das ist für mich anstrengend. Es ist mir unangenehm. Und es macht mich traurig, weil ich an tollen Dingen die passieren, jetzt nicht teilnehmen kann.

Jedes Jahr zur Fastenzeit verzichte ich auf Süßigkeiten. Der Verzicht an sich fällt mir nicht schwer. Aber ich muss es immer wieder erklären, wenn ich zum vierten Mal zu einem Stück Schokolade „Nein, Danke“ gesagt habe. Oder wenn andere meinen Mitleid mit mir haben zu müssen, weil ich die leckeren Gummibärchen nicht essen will. Der Fokus verändert sich dann, ich esse mehr Joghurt, Obst, oder sowas in der Art eben. An Ostern ist es dann aber vorbei.  Und das Stück Schokolade, das Gummibärchen, es schmeckt dann ganz anders. Ich esse es bewusster.

Verzicht ist ein Lehrer, der uns zeigt, welche Dinge wichtig sind. Und er verändert unsere Einstellung, zeigt uns Alternativen auf, die vielleicht auch wichtig sind, die wir aber bis jetzt nicht beachtet haben.

Bei mir sind das die 20, 30 Minuten am abend, die ich Momentan für mich Zeit habe. Nur für mich.

Verzicht ist gar nicht mal so schlimm.

„Everything there was about you that isn’t clay“

In: 9:00

Als ich heute die täglichen Nachrichten durchstöberte fiel mein Blick auf die Meldung von Brittany Maynards Tod. Die unheilbar erkankte Maynard nahm sich in einem der wenigen Staaten der USA, in der Sterbehilfe erlaubt ist, das Leben. Sie hat bis zu ihrem Lebensende für ein Recht auf Sterbehilfe gekämpft.

Ich bewundere Maynards Mut, diesen Weg gegangen zu sein und bis zuletzt für die Legalisierung von Sterbehilfe gekämpft zu haben. Vor allem so öffentlich. Sie war nur wenig älter als ich und ich frage mich dann natürlich sofort, ob ich diese Kraft gehabt hätte.

Sterbehilfe ist ein heikles Thema. Auf der einen Seite stehen Gedanken wie „Wir würden jeden Hund einschläfern, aber die 90-jährige, unheilbar erkrankte, schwerleidende Oma lassen wir dahin siechen, das ist doch nicht recht!“ Auf der anderen stehen die endlosen Arten, wie man Sterbehilfe missbrauchen könnte. Könnte es jemals zu einem Druck auf schwer Erkrankte oder des Lebens Überdrüssige kommen, die Angehörigen von der Pflicht sich um sie zu sorgen zu entbinden, indem man es einfach beendet?

Die Sterbehilfe wie Maynard sie in Anspruch nahm, benötigte bis zum Ende ihre Kooperation. Sie musste selbstständig die Tabletten schlucken, die ihr sanft ihren Wunsch erfüllten. Was aber mit Komapatienten, bei denen wir sicher sind, dass sie nie wieder erwachen? Was mit vom Hals abwärts gelähmten Menschen? Was mit Demenzpatienten, die geistig nicht mehr in der Lage sind, solch eine Entscheidung zu treffen? Einer meiner Lieblingsautoren, der selbst von einer schweren Krankheit betroffen ist, hat dazu mal eine Dokumentation gemacht.

Ich denke, dass zu einem selbstbestimmten Leben die Option gehört, es zu beenden. So sehr ich mir es auch für jeden wünsche, diese Option nie in Anspruch nehmen zu müssen. Vielleicht gibt es manchen sogar Kraft, die letzten Monate, Wochen, Tage, Stunden, zu überstehen, in dem Wissen, dass sie es selbst in der Hand haben. Denn jeder Moment Leben ist kostbar.

Was mich trotz allem stört, ist der ständige Verweis auf Würde. Ich formuliere das mal mit den drastischen Worten von Dr. House:

„Our bodies break down, sometimes when we’re 90, sometimes before we’re even born, but it always happens and there’s never any dignity in it! I don’t care if you can walk, see, wipe your own ass… it’s always ugly – ALWAYS! You can live with dignity; you can’t die with it!“

Wenn Organisationen wie Dignitas (Mhm, merkt ihr was) sagen, dass ihre Art der Beihilfe zum Selbstmord einen „würdevollen“ Tod verspräche – was ist dann mit den Menschen, die bis zum Ende kämpfen wollen? Was ist mit denen, die selbstbestimmt sagen: „Ich lasse den Dingen ihren Lauf?“ Soll das das Gegenteil bedeuten?

Nein. Jeder Tod ist in gleicher Weise nicht würdevoll. Zu ihm gehört Angst, zu ihm gehört das Eingeständnis, dass wir ein Haufen Fleisch sind der herumlaufen kann, dass wir uns der Kraft der Natur doch irgendwann beugen müssen, ihr doch unterlegen sind.

Ich habe Fälle von Sterbehilfe in meinem Umfeld erlebt. Ich habe auch den natürlichen Tod in meinem Umfeld erlebt. Und ich kenne Menschen, die trotz medizinischem Todesurteil ihr Leben genießen. Es ist wie immer alles individuell.

Aber am Ende sind wir alle gleich.

2014-10-19 16.06.45

Out: 21:45

Der Titel des Beitrags ist ein Zitat aus Terry Pratchetts „Going Postal“.

iEnd

Wieder geht eine Ära zu Ende. Gut drei Jahre war er immer ganz nah an meiner Seite aber bald werden wir uns trennen. Zum ersten Mal spüre ich dabei ein bisschen Wehmut.

Ich rede von meinem iPod. Ich mag Apple-Produkte ja nicht sonderlich, aber die iPods sind klasse. Waren sie schon immer. Alleine um diese Geräte benutzen zu können verwende ich auch iTunes.

So ziemlich am Beginn meines Studiums bekam ich einen iPod Nano geschenkt. Ein kleines, nichtmal scheckkartengroßes Ding, das meine Welt nichtsdestotrotz verändert hat. Ich trug ihn fortan immer mir mir. Fünf Jahre lang. Ich lud die ersten Podcasts, größtenteils Radiosendungen, runter und hörte sie „On the Go“. Ich formatierte Hörbücher um, nur damit der iPod sie als Hörbuch erkannte.

Als ich dann in Amerika war und ein wenig Geld übrig hatte, kaufte ich seinen Nachfolger. Den ersten iPod Touch. Der nur etwas über ein Jahr hielt, danach war ein Wackler in der Kopfhörerbuchse. Aber ich war vom Konzept begeistert. Ein MP3-Player, wie ein Smartphone. Mit Spielen, mit Apps, mit Messengern. Ich glaubte, dass ein iPod reichen würde und mich noch eine Weile vor diesen komischen Smartphones bewahren würde. Ich hatte allerdings die Rechnung ohne die deutsche Störerhaftung gemacht, die es schlicht unmöglich machte, in Deutschland freie WLANs zu finden. Ganz im Gegensatz zu Amerika.

Ich kaufte einen neuen iPod Touch, die dritte Generation. Mit Kamera und so, Ich bin gerade eben durch die Bilder gegangen: knapp 150 sind es in etwas mehr als 3 Jahren geworden… Auch die Messengerfunktion habe ich kaum genutzt. Irgendwann kam ja dann auch mein Smartphone. Aber mit dabei hatte ich auch dieses Gerät. Immer. Zu einem Großteil höre ich mitterweile Podcasts und ja, ich mache das immer noch separat von meinem Handy. Ich möchte ein kleines, handliches Gerät mit viel Akku für mein Hörerlebnis.

Podcasts sind gerade in der Biologie wirklich ein Segen. Ich sitze manchmal 2, 3 Stunden vor einem Gerät und mache absolut gehirnfreie Arbeit. Zumindest geht man dann geistig nicht total ein.

Seit einem Jahr machen aber die Apps eine nach der anderen schlapp. Unter anderem auch Instacast. Sie reagiert träge, es gibt keine Updates mehr, sie ist langsam und nervig geworden. Und seit fast zwei Wochen besitze ich einen neuen iPod 5. Seit einer Woche ist er auch bei mir und wartet auf seinen ersten Einsatz. Es fehlt aber noch die Schutzhülle, die ich Dämlack nicht gleich mitbestellt habe.

Ich hardere auch ein bisschen, mir den iPod nur deswegen gekauft zu haben, weil mir der alte zu langsam wurde. Ich sehe ein, dass es bescheuert ist. Aber für meinen Seelenfrieden brauchte ich das, weil mich die Warterei rasend gemacht hat. Sogar mein alter Nano funktioniert noch einwandfrei. Meine Schwester benutzt ihn nun.

Es ist ein bisschen ein Verrat. Den alten, mir treu ergebenen iPod zugunsten eines neueren in Rente zu schicken. Ja, ich habe tatsächlich diesen Gedanken. Was hat er nicht alles miterlebt? Wer hat ihn nicht alles in der Hand gehabt?

Und somit geht eine Ära zu Ende.

Raum für Neues.

Fott domet.

In: 11:04

Während ich in dem behaglichen, Multikulti-Heidelberg saß und FACS-Diagramme erstellte, während ich mein sonntägliches Fahrradründchen drehte, da versammelten sich rechtes Pack in meinem Köln um gegen salafistisches Pack zu demonstrieren. Es scheint der größte Naziaufmarsch bisher zu sein, der ausgerechnet in Köln stattfand, die Stadt die ich immer als so weltoffen erlebt habe. Die Medien berichten noch immer von „Hooligans“, obwohl weit und breit kein Fußballspiel zu sehen war. Und man fragt sich, woher dieser Hass kommt.

Darin sind sich die Salafisten und die Nazis ähnlich. Sie hassen alles, was neu ist. Sie sind nicht konservativ, also bewahrend, die wollen mit Gewalt zurück zu alten Systemen. Es ist die Suche zurück zu klaren Regeln in einer lauteren, schnelleren und verwirrenderen Welt. Es ist der Glaube, man könne mir Gewalt die Zeit zurück drehen.

Tempus fugit. Ewiggestrige, die gegen die Zeit, gegen den Wandel ankämpfen, natürlich sind sie von Hass erfüllt. Und er war immer da. Doch es ist lange gelungen, die Stimmen des Hasses leise, seinen Einfluss gering zu halten. Doch ich befürchte, die Stimmen werden lauter, der Einfluss wird größer. Wir wissen ja nun auch, dass es lange Zeit unterschwellig schwelte. Schlimmer noch: An den Erfolgen der AfD erkennt man, wie gesellschaftlich anerkannt manche der Thesen der Extremisten sind.

Wäre ich heute in Köln gewesen, ich hätte mich den Gegendemonstranten angeschlossen. Auch wenn ich dem gleichen Stress ausgesetzt gewesen wäre. Das ist mein Köln, das mich einst so liebevoll empfangen hat, als ich selbst fremd war. Das bin ich ihr schuldig.

Out: 16:25

Disclaimer: Es gibt hier sicherlich mehr zu schreiben. Das Thema ist ist riesig. Aber ich bin einfach nur schockiert und wollte das zum Ausdruck bringen.