Gejammer

Nebenwirkungen

Ich hatte gestern einen Beitrag begonnen und dann traf mich plötzlich eigentlich vorhersehbar eine harte Migräne und ich beschloss das Bett zu hüten. Lustigerweise wollte ich eigentlich darüber bloggen, was der Körper eigentlich bei einer Doktorarbeit, vor allem aber nicht nur in den letzten Zügen, mitmacht.

 

Migräne:

Stellt euch vor, ihr arbeitet direkt neben eurem Gefrierschrank. Moment, ihr habt ungefähr 10 von diesen Gefrierschränken und sie kühlen nicht auf -20 sondern auf -80°C. Das sind unsere Gefrierschränke auf dem Flur, die eine wundervolle Geräuschkulisse bilden. Dazu piept alle paar Minuten irgendwas: Ein Timer, eine Zentrifuge, ein Schüttler. Eine Pumpe rattert, eine Lüftung dröhnt, ein Power Pack surrt, die PCR-Maschine fiept auf einer knapp hörbaren Frequenz. Mittlerweile ist es etwas besser geworden, denn die Baustelle vor der Tür arbeitet nicht mehr so laut. Dazu habt ihr Temperaturschwankungen von -20, 4, 20 und 37°C. Und verbringt immer mal wieder längere oder kürzere Zeit in komplett dunklen Räumen, die einzige Lichtquelle ist ein Monitor (Laser-Mikroskop) oder Rotlicht (Dunkelkammer). Und das alles zusammen. Das ist meine Umgebung. Und sie fordert ihren Tribut. Mein Körper zeigt mir das mit Migräne, die Licht- und Geruchsempfindlichkeit, Übelkeit und eben pochende Kopfschmerzen beinhalten, manchmal zusammen mit Sichtstörungen, aber nur selten. Gestern war es so schlimm, dass ich wimmernd mit dem Rad heimfuhr und bei jeder winzigen Unebenheit zusammenzuckte. Erst wurde es zu Hause noch etwas besser und dann war das einzig Mögliche die Fötushaltung im Bett.

 

Träume:

Wo wir gerade bei Schlafen sind: Ich träume extrem intensiv. Nichts davon ergibt wirklich Sinn, also ich träume nicht von Bergbesteigungen oder Seiltänzen, die eine unangenehme Situation darstellen würden, aber ich träume sehr „echt“. In der Nacht von Samstag auf Sonntag träumte ich beispielsweise, mit einem Bekannten den ich noch nie live gesehen habe zu einer Dombesichtung verabredet zu sein. Wir trafen uns dort im Domgarten, redeten, dann wollte ich aber den Zug nach Hause nehmen. Auf dem Weg zurück fand ich einen weiteren Dom (der Begriff Dom ist in meinem Kopf, es sah mehr aus wie eine Kapelle), in der bunte, am Boden liegende Darstellungen von Eseln zu sehen waren und dieser Dom war auch irgendwie einem Esel gewidmet.

In einem weiteren Traum lebte ich in einem Haus von ca 1900 und betrachtete unter anderem die Spielzeuge dort. Ich war eine ganze Weile in diesem Haus in der Nähe eines Sees, aber an mehr erinnere ich mich jetzt nicht mehr.

Sollte jemand elaborierte, lustige oder fundierte Deutungen von so etwas haben: Immer her damit.

 

Magen:

Man sollte meinen, ich äße mit dem Stress weniger. Das stimmt nicht, kalorisch ist es wahrscheinlich etwa das Gleiche. Sehr interessant sind aber Hungerlöcher, in die ich immer mal wieder falle. Wirklich plötzlich auftretendes – oder nur plötzlich bemerktes – Hungergefühl. Das mag auch an meinen deutlich Häufigeren Naschereien liegen. Weihnachten erhöht den Schokoladenkonsum noch mehr. Das ist auch nicht immer angenehm für den Magen und gerade giere ich gerade zu nach frischem Gemüse und Obst.

 

Beine:

Meine Beine tun weh. Meine Waden sind verspannt, und abends kitzeln sie immer wieder, als seien sie eingeschlafen und wieder erwacht. Ich stehe sehr viel, laufe sehr viel herum, das merke ich. Morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit ist anstrengender als zurück.

 

Arme/Schultern/Nacken:

Das war schon immer ein Trauerspiel. Durch die nicht wirklich vorhandenen Schreibplätze und der schwergängigen Pipetten haben sich die Beugermuskeln und Sehnen im rechten Arm stark verkürzt. Es ist mittlerweile nicht mehr witzig, wie weh das tut. Ich mache morgens und abends Übungen dagegen und auch zwischendurch ab und an. Ich habe für den rechten Ellenbogen eine Manschette, aber beim Pipettieren hilft das nur bedingt. Wie viel Kraft man dafür braucht fiel mir auf, als ich im Praktikum Schüler betreute, die noch nie pipettiert hatten. Ich konnte, wie meine Kollegen auch, die Pipettenspitze mit dem Daumen über einen Hebel einfach abschnipsen. So sind die Pipetten auch gebaut. Die Schüler konnten das nicht. Sie mussten beide Hände zum abschnipsen nehmen.

Die rechte Brustmuskulatur hat sich ebenso verkürzt und verhärtet. Das ist einmal im Monat besonders schmerzhaft und war so krass dass ich sogar zur Frauenärztin bin. War aber nur eine Verkettung unglücklicher Umstände und kein Grund zur Sorge.

 

Erkältung:

Ich bin seit 3 Monaten topgesund, was meine Nebenhöhlen angeht. Also, für meine Verhältnisse. Eigentlich wäre längst die Zeit für 1-2, früher eher 4-5 Erkältungen gewesen. Aber es ist alles ruhig, also, so im Vergleich. Das bedeutet wohl, dass sich mein Körper das für die Feiertage aufbewahrt. Ein bisschen läuft die Nase, wenn es dabei bleibt ist’s gut.

 

Haut:

Meine Haut reagiert immer als erstes auf Stress. Und zwar hält sie sich dann für deutlich jünger als sie ist, nämlich so 14, 15. Momentan geht mir mein Aussehen zwar am Allerwertesten vorbei, aber es ist eben trotzdem unangenehm und so ein fieser Pickel tut dann gerne auch noch weh, damit jeder was davon hat: Die, die einen anschauen müssen und man selbst eben auch. Das ist übrigens schon länger so, aber in Anbetracht dessen, dass ich Bewergungsfotos machen lassen wollte, war ich dann doch mal wieder bei einer Kosmetikerin, die bei einem Hautarzt arbeitet. Vielleicht hilft das ja auf die Dauer.

 

Psyche:

Das meiste was ich so durchmache schreibe ich ja hier. Versagensängste und Selbstzweifel und Reizbarkeit, ein ständiges Balancieren zwischen Apathie und Emotionalität. Willkommen in meinem Kopf.

Ich habe gerade erst wieder gehört, dass die Lebensgefährtin eines Freundes ihre Doktorarbeit wegen Depressionen abgebrochen hat. Ich kenne weitere, meines Erachtens depressive oder zumindest derzeit depressiv-verstimmte Doktoranden. Ob das wirklich so ist können nur sie selbst sagen.

 

Bei anderen mag das anders sein. Ich weiß von einigen wo es ähnlich ist. Je nach Fachgebiet unterscheidet sich das sicherlich auch, aber ich gehe stark davon aus dass es bei den meisten ebenso körperliche Symptome gibt.

T-5

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Disorganizer

Heute hatte ich meinen Termin zum Beratungsgespräch beim Arbeitsamt. Ich kenn mich was sowas angeht nicht aus. Ich bin ein Mädchen aus dem Bildungsbürgertum, wir kennen das nicht. Theoretisch hätte ich mich für den einen Monat zwischen Masterarbeit und Doktorarbeit arbeitslos melden können, dann hätte ich für einen Monat Harz4 bekommen. Aber das hatte ich damals nicht so auf dem Schirm.

Gestern abend fiel mir noch ein, dass ich mir für den Termin ja noch den Lebenslauf ausdrucken musste. Ich dachte, ich mache das einfach morgens früh und stehe ein wenig früher auf. Wider Erwarten war ich rechtzeitig auf den Beinen, hatte auch schon einen Kaffee parat, öffnete das Dokument, editierte noch schnell etwas und drückte auf Drucken.

Mein Drucker entschied sich, den Lebenslauf in rot auszudrucken. Warum auch immer, denn er meckerte gleichzeitig, dass die rote Patrone leer wäre. Ich habe vorgesorgt und bestelle ab und an beim Kistenschieber neue Patronen, ging da bislang also nie auf dem Trockenen, und wechselte daher rasch die Patrone aus. Der Drucker fand nun das Papier nicht mehr. Nachdem ich noch etwas mehr Papier eingelegt hatte, blinkte die schwarze Patrone auf, sie sei leer. Der Drucker hat zwei schwarze Patronen, aber ich will ihn ja glücklich machen und tauschte daher auch die schwarze aus. Dabei bemerkte ich, dass die schwarze Patrone eigentlich noch recht voll war. Wurscht, alles muss raus. Schließlich erbarmte sich der Drucker dann doch, ich erhielt meinen Lebenslauf, die Welt war schön und ich musste ihn nur zu dem Fragebogen leg…

Der Fragebogen. Den hatte ich vergessen auszufüllen. Herrgott! Schnell zückte ich den Kuli, Kreuzte wild Dinge an. Bin ich belastbar? Flexibel? Kann ich Entscheidungen treffen?! EGAL! Und was waren meine Fähigkeiten? Ich dachte kurz nach, nahm einen Schluck Kaffee aus der Tasse und… verschüttete ihn auf das Dokument.

Ja. Hm. Das ging ja gut los. Und schon erinnerte mich mein Handy daran, dass es Zeit war aufzubrechen. Ich schwang mich aufs Rad, kam beim Amt an und war erstmal verwirrte. Konnte ich direkt zu meinem Termin gehen? Da standen viele Menschen in einer Schlange. Vielleicht stelle ich mich einfach mal an.

Nach einigen Minuten stand ich bei der Frau am Schalter, die mich verblüfft ansah. „Sie haben doch einen Termin. Gehen Sie direkt dahin.“ Sie beschrieb mir noch kurz wo der Raum war.

Jetzt stand ich vor der Tür. Aber geht man da einfach rein? Klopft man an? Oder wartet man bis man aufgerufen wird? Als die ersten paar Minuten nichts passierte und der Gang leer blieb, entschloss ich mich, doch anzuklopfen.

Das Gespräch verlief gut und nett. Es war sogar recht informativ und der werte Mann verstand etwas von meinem Fach. Allerdings hätte er besser Kindergärtner werden sollen. Er lächelte durchgehend und war so unglaublich geduldig dass ich nach einer Weile in Erwägung zog zu fragen, ob nun Zeit für den Mittagsschlaf war.

Das war ein sehr verkorkster Morgen für mich. Ich mag das nicht. Ich war noch den ganzen Tag durch den Wind, vor allem weil der Tag dann noch von einem Lab-Meeting zerrisschen wurde und ich eine halbe Stunde auf ein Gespräch mit dem Chef warten musste was an sich dann nur fünf Minuten dauerte. In der Zeit konnte ich natürlich nichts neues anfangen, geschweige denn zumindest entspannt irgendwo warten, weil ich nicht wusste wie lange das Vorgängermeeting dauern würde.

Ja. So. Ich bin inzwischen wieder ruhig, ein paar wichtige Dinge wurden da erledigt und ein paar weitere wichtige Dinge kommen die Woche noch.

Morgen wird besser.

Freischlaf

In: 12:41, 20:38

Als ich heute aus dem Labor kam hatte eine Kollegin es sich auf der Wiese vor dem Institut gemütlich gemacht und schmökerte in ihrem E-Reader in der Sonne. Wir kennen uns auch privat ein wenig. Also begrüßten wir uns und tauschten ein paar Worte, wie das immer so ist. Und weil wir ja beide Doktoranden sind, kamen wir schnell auf die Arbeit zu sprechen. Zumal es ja Wochenende war. Ich erzählte ihr in kurzen Worten von dem was bei mir gerade passiert und sie hat es tatsächlich auch nicht leicht. Schließlich trafen wir uns ja an einem perfekten frühherbstlichen Samstagnachmittag.

Kennt ihr den Moment, wenn ihr gerade etwas gesagt habt und während ihr es sagt der Gesprächspartner signalisiert, dass er eigentlich lieber das Gespräch beenden möchte? Aber das was ihr gesagt habt ist, wenn man einen freundlichen Gesprächspartner hat, mindestens der Beginn für noch einmal fünf Minuten Gespräch. Also man merkt zu spät dass man eigentlich hätte weiter gehen sollen und eigentlich ist es einem ja auch peinlich, weil man sich nicht aufdrängen will. Gut, genug Leute haben dieses Gespür nicht, aber ich habe es sehr stark.

In genau dieser Situation habe ich gemerkt, dass ich jammere. Ich muss immer wieder neu meine Geschichte erzählen, die Ereignisse der letzten zwei Monate erzählen. Da sind zwar immer andere Personen involviert, aber macht es das irgendwie besser?

Ich habe dieses Blog extra gestartet damit ich etwas zum Rumheulen habe, aber hier ist niemand dazu gezwungen es zu lesen. Und niemand muss es weiter verbreiten. Einem Gespräch entkommt man nicht so schnell. Die Menschen, die aufgrund enger zwischenmenschlicher Beziehung oder Verwandtschaft gezwungen sind, mir zuzuhören, beneide ich nicht. Wobei ich auch schon viel Lob bekommen habe, wie gut ich die Situation handhabe.

Den Realitätsabgleich bekomme ich übrigens jeden abend, wenn ich bei meinen Nachbarn vorbeifahre, die unter der Eisenbahnbrücke wohnen. Es gibt, glaube ich, nichts was einen mehr erden kann, als zu wissen dass nur ein paar Meter von der eigenen Wohnung entfernt Menschen im Freien schlafen.

Out: 16:30, 21:38