Lächeln

Lächeln

In 9:15

Ich weiß nicht wieso ich in letzter Zeit so viel an meine Kindheit denke. Aber irgendwie tue ich das. Meine Religionlehrerin in der Grundschule ermutigte uns damals, fremden Menschen Lächeln zu schenken. Ob den Kassierern an der Kasse oder den Passanten oder wem auch immer. Ich habe mir das dann wirklich antrainiert. So sehr bis ich ein freundliches, offenes, ansteckendes Lächeln hatte. Es wurde zur Routine, irgendwann merkte ich es nicht mehr, es gehörte einfach dazu.

Bei einem Praktikum begrüßte mich meine Betreuerin irgendwann einmal mit „Na du Sonnenscheinchen?“. Ich war verdutzt und fragte sie, weshalb sie mich so nannte. Sie sagte: „Naja, du bist doch immer gut gelaunt und lächelst immer. Ich finde das passt zu dir.“ Gut gelaunt? Nein, eigentlich bin ich eher ein grummeliger Mensch, sarkastisch, zynisch, morbide. Oder?

Man hat mal herausgefunden, der Vorgang des Lächelns an sich erzeugt in einem selbst genau so positive Stimmung wie wenn man angelächelt wird. Macht man sich da nicht aber selbst was vor?

Irgendwann in den letzten Wochen wurde es mir zu anstrengend. Ich fand es psychisch anstrengend, Menschen anzulächeln und freundlich zu sein. Es kam mir nicht mehr so leicht über die Lippen. Sozusagen. Und dann sitzt da heute im Wartezimmer beim Arzt ein kleines Mädchen mir gegenüber. Ein Jahr alt vielleicht. Und sie schaut mich mit großen Augen an. Ich schaue sie an und sie legt nachdenklich den Kopf schief. Ich lächle sie an. Sie schaut skeptisch zu mir. Und dann beugt sie sich vor und lächelt zurück. Strahlt über beide Ohren zu mir herüber. Aus glücklichen, großen braunen schaut sie mir minutenlang ins Gesicht. Und wir lächeln uns einfach gegenseitig an. Einfach so. Weil es sich gut anfühlt.

Weil es glücklich macht.

Out: 22:00