Rant

Alltagskämpfe

Es ist brütend heiß. Ich sitze in der Bahn, höre einen Podcast. Auf dem Handy schreibe ich mit einer Freundin. Es ist so alltägliches Gedöns.

Die Bahn hält, ein dicker Mann steigt ein, setzt sich neben mich. Er stinkt nach Schweiß, wirkt ungepflegt, lästig. Dann packt er seinen Döner aus, beißt rein, schmatzt. Soße rinnt über sein dreitagebärtiges Kinn. Vermischt sich mit dem Schweiß. Auch der Geruch nach Fett und Knoblauch mischt sich unter den Körpergestank. Er lässt sich Zeit beim Essen. Die Soße, die überall hintropft, bemerkt er kaum.

Ich mache mich kleiner, schmaler, in der Hoffnung mich weniger belästigt zu fühlen. Ich schäme mich, zur selben Art von Lebewesen zu gehören wie dieses… dieses fressende Tier. Ich schreibe es meiner Freundin. Wir regen uns auf, im Chat. Doch meine Wut ist größer. Wieso kann mich jemand einfach so belästigen. Wieso nimmt er keine Rücksicht? Schämt er sich nicht? Hat ihm niemand Manieren beigebracht?

Ich schnaube, rein innerlich. Wütend poste ich auf Twitter, dass dieser Typ eklig ist, wie widerlich ich das finde, dass ich mich belästigt fühle. Zig Leute stimmen mir zu. Wir regen uns gemeinsam auf und ich fühle mich besser.

Irgendwann ist der Döner aufgegessen. Der Kerl lehnt sich zurück, seine Beine gleiten wie beiläufig nach außen. ein linker fetter Schenkel drückt an meinen rechten. Seine Arme, zu breit für den schmalen Sitz, nehmen mir Platz weg.

Wieder tobe ich. Aber nur digital. Auf Twitter, auf Facebook, auf Whatsapp. Ich schreibe mir die Kehle aus dem Leib, ich poste in Großbuchstaben, benutze multiple Satzzeichen, mache mir die Luft, die ich auf meinem immer schmäler werdenen Sitzplatz nicht bekomme. Ich bete, hoffe, giere darauf, dass der Fettwanst bald aussteigt.

Und dann endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit erhebt er sich langsam. Nicht ohne dass mich seine Hand einmal wie beiläufig streift macht er sich behäbig auf den Weg zur Tür. Mit ihrem Öffnen kommt die Erlösung. Frische Luft strömt ein, weht den Gestank weg. Aber ich bin immer noch sauer. Trotzdem schicke ich der Welt einen Tweet über meine Erlösung.

Und er? Er hat das alles nicht mitbekommen, ignorant wie er wohl war. Aber woher sollte er auch wissen, was in mir vor ging?

Haben wir verlernt, zu kritisieren? Haben wir verlernt, aus unserer eigenen Komfortzone zu gehen und andere anzusprechen, wenn uns etwas stört? Wieso erdulden wir still all das was uns in der Welt stört und regen uns nur passiv-aggressiv in den sozialen Medien darüber auf? Es ist alles so bequem geworden. Wenn wir wollen ziehen wir uns in unser Häuschen zurück. Wenn uns die einen Freunde zu unbequem werden suchen wir uns neue. Wenn die Party doof ist liegen wir chattend mit einem Bier in der Ecke.

Scheuen wir den Konflikt? Ich befürchte ja. Ich befürchte, das Digitale gibt uns einen Ausweg uns über Dinge aufzuregen oder ihnen zu entgehen. Wir müssen wieder lernen, unseren eigenen Platz zu beanspruchen, auch wenn es unbequem wird. Wir müssen wieder lernen, jemanden in seine Schranken zu weisen. Und zwar richtig und selbstbewusst, ohne den anderen in seiner Person zu verletzen. Vor allem müssen wir aber wieder lernen, damit umzugehen wenn etwas unbequem wird, wenn wir selbst in unsere Schranken gewiesen werden.

Der Dönermann hat nie existiert, die Geschichte ist so nie passiert. Und trotzdem passiert sie, jeden Tag aufs Neue.

Abtropfdingsi

Heute war endlich wieder Rudern. Jetzt im Winter ist Rudern immer Samstags morgens. Ich hab mich total drauf gefreut, vor allem weil beim Winterrudern meist nur die Cracks sind die schon etwas länger rudern. Dann kam gleich das erste Problem: Die eine Seite des Bootshauses war wegen Umbauten gesperrt, wir hatten also nur vier Vierer zur Verfügung. Ich gesellte mich zu vier Jungs, einen davon kannte ich als guten Ruderer und wir gründeten flugs ein Team, schnappten uns ein Boot und legten ab. Mitten auf dem Wasser sagte dann einer: „Kann ich erstmal nur zuschauen? Ich hab schon lange nicht mehr gerudert…“ Ja, der junge Mann sollte uns noch mehrfach an den Rand des Kenterns bringen, ganz davon abgesehen dass wir das Boot sowieso nicht ans laufen bekamen. Und dazu noch starke Strömung. Es hätte ein toller Rudertag sein können.

Ich musste danach dann „noch schnell“ auf die Arbeit. Eigentlich wollte ich nur ein paar Kleinigkeiten erledigen. Aus den Kleinigkeiten wurden Großigkeiten und ich blieb doch fast bis 18 Uhr da. Ich arbeitete an dem Plan, was momentan noch so zu tun ist und bereitete ein Gespräch vor was nächste Woche diverse Weichen stellen könnte. Dabei musste ich die letzten dreieinhalb Jahre erstmal Revue passieren lassen und merkte gleich, dass ich es ab dem ersten Tag hätte wissen müssen. Das Drängen, so schnell wie möglich anzufangen stand in der Diskrepanz, dass zu meinem Arbeitsbeginn noch gar kein Arbeitvertrag vorhanden war. Krönend dazu der damalige Kommentar: „Naja, ich hab dich ja während der Masterarbeit bezahlt, dann kannst du doch jetzt auch so arbeiten.“

Mit dem allem im Kopf kam ich nach Hause. Ich schob mein Fahrrad in den Hinterhof und eine Frau fragte mich: „Hast du einen Kellerschlüssel?“

„Ja“, entgegnete ich. „Der ist aber oben.“

Sie sah mich enttäuscht an und ich merkte, dass ich so geklungen hatte als sei „oben“ ein Ort, den ich nicht aufsuchen würde, schon gar nicht für sie. Etwas milder sagte ich dann: „Ich muss ihn holen, kein Ding.“

Wir redeten noch kurz. Seit zwei Monaten stehen bei uns im Hausflur Möbel und Matratzen, was mittlerweile viele Bewohner im Haus ärgert. Sie hatte als erste konkrete Informationen dazu. Die WG gegenüber ihrer Wohnung sei ausgezogen ohne auch nur etwas an Einrichtung, Müll wohl eingeschlossen, mitzunehmen. Der Vermieter hätte Entrümpler engagiert und die Wohnung renovieren lassen, aber die Entrümpler hätten dann wohl den letzten Rest vergessen. Die oberste WG kümmere sich aber bereits darum. Ich grummelte ein bisschen, wie das gelaufen war.

Ich ging in unsere Küche und bemerkte, dass mein Mitbewohner ein neues Abtropfdingsi für die Spüle gekauft hatte. Ein zweistöckiges. Mein Mitbewohner bringt es nicht fertig, Dinge zu verräumen, die bereits trocken sind. Er legt immer wieder neue nasse drauf oder eröffnet neue Abtropfräume auf dem Küchentisch – anstatt einfach mal was wegzustellen. Unsere Küche ist nicht groß und Verräumen ist keine Bergwanderung. Er beschwert sich schon lange, dass das Abtropfdingsi zu klein ist weil wir vorher auch ein zweistöckiges hatten, aus Holz, was kurz nach meinem Einzug den tragenden Schimmel verlor und zusammenbrach. Ich war angehalten ein neues aus Metall zu kaufen, das gab es damals aber nicht und die damalige Mitbewohnerin und ich entschieden uns für ein normales Abtropfdingsi aus Plastik. Natürlich wird er das zweistöckige genauso wenig leeren wie das einstöckige. Meine Devise, seinen Kram stehen zu lassen und immer nur mein eigenes Zeug wegzuräumen wird nun derer weichen, einfach das gesamte Dinge vollzustapeln und dann noch zwei neue Abtropfflächen auf dem Tisch zu eröffnen, für Pfannen, die bei uns sowieso an der Wand hängen und daher gar nicht abgetrocknet werden müssten. *lufthol*

Als ich grummelnd die Waschmaschine belud und mir dachte „ach, das Sportshirt was ich gerade trage kann ja auch noch rein“ klingelte es an der Tür. Ich dachte nicht groß nach und öffnete der Nachbarin im Sport-BH die Tür, die mir den Kellerschlüssel zurückbrachte. Ich bemerkte erst eine Sekunde später, weshalb sie so irritiert schaute. Trotzdem – oder gerade deshalb – lud sie mich noch zu ihrer Party heute abend ein. Da fiel es mir wieder ein. Die WG über uns macht heute Party. Und in einem Altbau feiert man da natürlich auch ein Stockwerk tiefer mit.

Statt Party fuhr ich aber erstmal einkaufen und dann in ein Nachbardorf um dort noch schnell etwas abzuholen. Ich machte mir im Auto so einen kalten Fertigkaffee mit Oreo-Geschmack auf und weil ich bei so Dingen nicht die Geschickteste bin übergoss ich den halben Kaffee auf mein Shirt. So kam ich dann in der schnieken Villa an, aber zum Glück kennt man mich dort. Leider kannten die Nachbarn mich nicht und ich wusste nicht dass sie offenbar einen Brummi auf ihren Stellplatz rangieren mussten, denn ich bekam einen netten Zettel, in dem sie sich ‚freundlich‘ dafür bedankten, dass ich ihnen die Zufahrt zu ihrem Parkplatz verbaute. Ich hätte beachten müssen, dass ich mich auf einem Dorf befand, wo Parkplätze so zahlreich sind, dass man weder rangieren noch parken können muss.

Aber zumindest gibt es dort LTE, das haben wir in der Stadt nicht.

Freiwilligendienst

In: 10:00

Und weil ich mich nunmal gerne aufrege…

Wir hatten bei uns auf dem Stockwerk immer einen Zivi, mittlerweile haben wir eine(n) Bufdi. An die erste Bufdi erinnere ich mich kaum, aber sie machte soweit ich weiß ihre Arbeit gut. Die zweite hinterließ einen bleibenden Eindruck. Sie war wissbegierig, klug, selbstständig, fleißig und sympathisch. Daher war es „schade“ dass sie ihr Jahr als Bufdi abbrach und studieren ging, aber natürlich haben wir uns alle für sie gefreut. Sie wurde auch für die restlichen Monate von einem jungen Mann ersetzt der ebenso fleißig und selbstständig war, allerdings nicht so sehr and unserer Arbeit interessiert. Dann kam ER.

Wir mögen es, unseren Bufdis etwas beizubringen. Die meisten kommen ja direkt von der Schule und überbrücken hier Wartesemester oder wollen schauen ob der Beruf zu ihnen passt. Allerdings müssen dann die Pflichten erledigt sein. Die sind auch eigentlich nicht viel. Dazu gehört aber zum Beispiel die Labormülleimer zu leeren (nicht den Giftmüll), die Pipettenständer auszutauschen, Bestellungen zu machen und Pakete auszuhändigen und uns bei anderen Aufgaben unter die Arme zu greifen, wie zum Beispiel das zurechtschneiden von Filterpapier für Western Blots, das Stecken von Pipettenspitzen, das Auffüllen von Wasser und – wenn er/sie soweit ist – das Ansetzen von Puffern und Lösungen und was man ihr/ihm sonst noch so zutraut. Meiner Schätzung nach sind das pro Tag allerhöchstens vier Stunden Arbeit.

Wenn diese Arbeiten nicht gemacht werden, machen wir sie. Ich verbringe alles in allem etwa drei Stunden meiner Arbeitswoche damit, Dinge aufzufüllen, auszuleeren oder zu bestellen. Nur für unser Labor und meine/unsere Zwecke. Das ist Zeit, in der ich eigentlich für Forschung bezahlt werde. Aber es muss gemacht werden. Dann bleibe ich um das auszugleichen meistens länger. Also mache ich das eigentlich unbezahlt in meiner Freizeit.

Und wenn nun jemand jeden Tag mies gelaunt reinstapft, immer die selbe (!) Jogginghose, immer das selbe (!) fleckige, löchrige T-Shirt trägt und sich beschwert er würde für diese niedere Arbeit nicht gut genug bezahlt, dann kocht mir doch das Blut. Jemand der noch nicht mal „Hallo“ und „Tschüß“ sagt, kein „Bitte“ und „Danke“, der aufgefordert werden muss sich zu setzen weil er sonst stumm neben dem Tisch steht. Ein Mensch ohne jegliche Manieren.
Er hat hier als Schulabbrecher eine zweite Chance bekommen und hätte mit diesem Jahr hier (ich weiß nicht wie) ein Fachabi nachmachen können. Natürlich ist das nicht geil, hier den Kleinmist zu machen, aber wir haben ihm immer wieder Labormethoden gezeigt. Seine jetzige Kündigung empfinde ich als undankbar.  Für die letzten Bufdis haben wir jeweils für Abschiedsgeschenke gesammelt. Wir waren dankbar, dass uns jemand hilft. Wir waren dankbar für das Interesse, wir waren dankbar für große und kleine Gesten.

Jetzt bin ich schon fast wieder dankbar, dass er geht.

Out: 21:39