Sexismus

Damenwahl

Ich jammere selten über Sexismus. Glaube ich. Heute muss ich das mal.

Ich bin jetzt seit Anfang des Jahres beim Kickboxen. Im Sommer habe ich, weil Kickboxen ausfiel, zu Muay Thai gewechselt. Das ist sehr ähnlich, nur dass man noch mehr Möglichkeiten hat, weil man auch Knie und Ellenbogen einsetzen kann. Jetzt wo das Semester wieder begonnen hat mache ich beides: Muay Thai und Kickboxen. Beides basiert aus einem Aufwärmtraining von etwa 30 min und dann 1-1,5 Stunden Partnerarbeit. Im Kickboxen nimmt man sich meistens einen festen Partner der die ganze Zeit gleich bleibt. Im Muay Thai werden die Partner während des Trainings gewechselt.

Beim Kickboxen habe ich, bis auf wenige Ausnahmen, nur mit Frauen trainiert. Meistens wurde ich von ihnen gleich angesprochen. Das eine mal, als ich mit einem Mann trainiert habe, hat dieser extrem feste aber oft schlecht gezielte Tritte und Schläge ausgeteilt. Das kann gefährlich werden, denn wenn man eine Pratze hochhält oder damit den Bauch schützt hat man kaum Deckung.

Im Muay Thai musste ich zwangsweise lernen, wie es ist mit Männern zu trainieren. Ich war nämlich fast die ganzen Ferien die einzige Frau. Nur 2-3 mal waren andere Frauen da. Es gab meistens ein Rundensystem. Einer der Trainingspartner ging weiter zum nächsten, so das jeder mit allen trainierte. Die Guten mit den Schlechten, die Großen mit den Kleinen. Der große Unterschied bei den Männern war, dass sie weniger lamentierten. Es wurde nicht fünfmal nachgefragt wie denn nun die Übung sei und geschaut wie die anderen es machten. Es wurde nicht erst nochmal darüber geredet, es wurde einfach gemacht. Ich mag das ja. Ich kühle schnell aus und ich habe einen adaptiven Puls. Wenn ich ne Minute nichts mache bin ich wieder im Normalbereich. Aber ich will ja schwitzen! Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Männer sich zurückhielten wenn ich mit Ihnen trainierte. Sie behandelten mich aus meiner Perspektive normal. Auch ich musste mich nicht zurücknehmen. Ich kann sehr hoch und sehr kräftig treten – mir macht das auch Spaß mich da volle Kanne reinzuwerfen. Ich bin dabei auch sehr treffsicher.

Es hat sich jetzt mit dem Semesterbeginn alles geändert. In alle 3 Kurse die ich besuche kommen nun bedeutend mehr Leute. Vielleicht 5 mal so viele. Davon ist nur 20% schon länger dabei. Die Trainerinnen müssen sich deutlich mehr um die Anfänger kümmern. Es gibt aber auch mehr „Fortgeschrittene“ als im Ferienkurs. Die unerfahreneren Frauen unter den Fortgeschrittenen kletten sich wieder gerne an mich. Mich nervt das, denn sie sind oft auch jene, die dann jammern wenn die Kicks zu hart sind (ich trage 3 cm dicke Protektoren). Und das ewige Gerede, die ewige Unsicherheit – auf die Dauer ist das anstrengend. Die geht auch nur weg, wenn man lernt, dass man auch harte Schläge aushalten kann. Wenn man sich daran gewöhnt, dass einem Protektoren auf Bauch klatschen und Handschuhe auch mal ins Gesicht treffen. Aber es ist jetzt auch unmöglich, beim Partnertausch einen männlichen Trainingspartner auch nur für eine Runde zu bekommen. Man wird ignoriert. Es gibt kein Rundensystem mehr. Die Männer mischen fröhlich unter sich durch und ignorieren mich und die anderen Frauen.

Ich muss übrigens dazu sagen, dass es sehr wohl selbstsichere, erfahrene und nicht wehleidige Frauen im Muay Thai und im Kickboxen gibt. Die haben oft ähnliche Probleme wie ich.

Heute im Kickboxen hatte ich keine Lust mehr. Es gab keinen freien Partner mehr bis auf einen. Ich ging auf ihn zu und fragte nach, ob wir trainieren könnten. „Nee, ich wollte mal fragen ob ich mit denen ne Dreiergruppe machen kann. Du kannst ja mit den Mädels da eine machen.“

„Hast du Angst vor mir?“, fragte ich frech.

„Nee, das ist voll gutes Training, weil man dann abwechselnd immer Schläge und Tritte trainiert.“

Er fragte also zwei Typen ob sie nicht mit ihm eine Dreiergruppe machen wollten. Die beiden Herren sahen mich verwirrt an, ob er denn nicht mit mir Trainieren wollen.

„Die kann ja zu den Mädels gehen“, sagte er.

„Er mag mich nicht“, sagte ich.

Wir entschieden uns schließlich, eine Weile zu zweit zu trainieren. In meinem eigenen Empfinden schlug ich mich nicht schlecht dabei. Er verzog aber keine Miene. Er ließ es ordentlich krachen sobald er an der Reihe war. Schließlich bildeten wir doch eine Vierergruppe und das machte tatsächlich Spaß. Auch wenn ich einen der Männer noch dazu überreden musste, seine Tritte anständig auszuführen, weil er sich sehr offensichtlich zurückhielt.

Es gibt eine Disziplin, da stehen die Männer bei mir komischerweise Schlange. Das Clinchen. Beim Clinchen umfasst der Partner den Kopf und drückt ihn runter. Er hat so volle Kontrolle. Also versucht man, selbst den Kopf des Partners zu umfassen. Es ist, wie man im Verlinkten Video sieht, eine sehr enge, fast intime Technik. Beim Clinchen sollen immer die Neulinge mit den nicht ganz so Neuen trainieren. Und da kommen dann plötzlich die Jungs an.

Ich weiß nicht genau woran es liegt, dass ich keine männlichen Partner mehr zum Trainieren bekomme. Vielleicht liegt es an den unsicheren Frauen, die ungewillt sind mich beim Training zu verlassen um dann gegen einen offensichtlich Stärkeren zu Kämpfen. Vielleicht wollen die Männer sich nicht zurückhalten müssen, weil sie glauben ich würde rumzicken. Oder ich bin zu schlecht. Oder ich wirke mit meinem Übergewicht zu unfit.

Die Trainerin meinte, man müsse da als Frau einfach durch, dass die Jungs einen oft links liegen lassen. Ich werde den tollen Sport sicherlich deswegen nicht aufgeben – schließlich möchte ich damit ja fit werden. Aber ich möchte nicht wieder in Selbstzweifel geraten.

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Dem Gaul auf’s Maul

Es gab heute wieder Unicum-Tüten. Wer es nicht kennt: Unicum-Tüten sind kleine Papiertüten mit Werbeartikeln, die an Unis ausgeteilt werden. Die Pröbchen und Gutscheine darin sind meistens auf Studenten abgestimmt: Kulis, Blöcke, das obligatorische Kondom. Alles was man im Studium so braucht.

Ich weiß nicht mehr, ob es schon immer so war, aber in den letzten Jahren gibt es die Tüten immer nur für Männer oder Frauen. Man darf sich auch nicht eine Tüte die für das andere Geschlecht als man selbst ist holen. Nichtmal wenn man darauf aufmerksam macht, dass es ja wohl Privatsache ist welches Geschlecht man ist.

Das man diese Tüten gendert finde ich schon voll bescheuert, aber es ist eventuell noch verständlich. Werbepröbchen kosten Geld und wenn 50% der Tütchenempfänger das Haargel von Axe nicht benutzen würden, okay. Aber wenn man gezielt danach fragt? Ich möchte die Pröbchen ja haben und ich bin an dem Inhalt für Frauen kaum interessiert.

Letztes Jahr gab es in der Herrentüte ein Lustiges Taschenbuch. Ich mag lustige Taschenbücher. Bis Nummer 300 oder so habe ich die meisten gelesen. Noch Erstauflagen von meinem Vater. In der Damentüte gab es kein Lustiges Taschenbuch (lesen Frauen das nicht?!) sondern eine Broschüre über Verhütung mit der Pille. Ich bin nun nicht nur absolute Verfechterin der hormonfreien Verhütung, die Broschüre war auch vom wissenschaftlichen Standpunkt her Schwachsinn vor allem weil keine Alternativen aufgeführt wurden (NFP, Spirale, Kette, Kondome) oder dass halt keiner um die Langzeiteffekte weiß.

Egal. Ich kann einsehen, dass manche Sachen den stereotypen Mann oder die stereotype Frau eben halt doch nicht interessieren würden. Aber ich weiß, WAS mich interessiert.

Mein Frauentütchen enthielt dann aber doch durchaus praktische Dinge:

  • Cornflakes
  • Essig
  • ein Joghurtlöffel
  • Organspendeausweis
  • Shampoopröbchen
  • Parfümpröbchen
  • Gutscheine für bekannte Hosenmarke, Onlineshopping, ADAC-Mitgliedschaft, Reisebüro
  • Winterbekleidungskatalog (für Frauen und Männer)
  • Natürlich ein Kondom und ein Kuli
  • Karten von einem Spiel
  • Werbung für ein hormonelles Verhütungsmittel

Ich besitze einen Organspendeausweis, ich benutze kein Drogerieshampoo und seltenst Parfüm und keine hormonelle Verhütung. Keinen der Gutscheine kann ich gebrauchen.

Wieso musste ich dann die Frauentüte nehmen? Ich kann natürlich nicht sagen, ob in der Männertüte ansprechendere Sachen drin gewesen wären, aber die Chancen wären höher gewesen…

Ja. Es zeigt wieder eines sehr deutlich: Ich muss diese Dinge nicht nehmen. Ich muss diese Dinge nicht kaufen. Diese Dinge speziell für Frauen. Nicht weil sie „speziell“ für Frauen sind – das ist bestensfalls nur noch lachhaft – sondern weil dem gesamten System nicht meine Wünsche zu Grunde liegen sondern die durchgeknallten Ideen von denen irgendwelche Marketingmenschen glauben, dass es meine Wünsche wären.

Aber was wünsche ich mir?

Naja, der Joghurtlöffel ist schick.