Wochenende

Wurzeln schlagen

In: 11:40

Als ich neulich dieses Fahrrad am Institut sah, fiel mir wieder einmal auf, wie lange ich bereits in Heidelberg bin. Nicht nur, dass ich an den Anblick dieser Fahrräder schon gewöhnt bin. Aber die Pflanze, die es sich zwischen den Speichen gemütlich gemacht hat… irgendwie weckte das etwas in mir.

Ich bin 2008 nach Heidelberg gezogen. Ich bin also mittlerweile 6 Jahre hier. 6 Jahre, verdammte Hacke. Das ist länger als ich seit meiner Kindheit irgendwo war. Ich sage häufig dass ich keine Heimat habe. Und wenn, dann liegt die auf einem Pferderücken.

Nein, Heimat ist Heidelberg nie geworden. Aber dennoch kenne ich mich hier mittlerweile so gut aus wie sonst nirgends. Und fühle mich wohl. Ich liebe den Blick auf das Schloss vom Neckar aus hinauf, wenn wir vor der Alten Brücke wenden. Ich liebe diese eine Stelle auf der Neckarwiese, wo man mitten in der Stadt kein einziges Haus sieht. Ich liebe den Blick hinab vom Königsstuhl auf die Stadt. Ja, doch, Heidelberg ist ganz langsam in mich hinein gewachsen. Und wenn ich auch nicht weiß ob ich in einem Jahr noch hier sein werde…

Würde ich dieses alte Fahrrad aufschließen und losfahren, viel von der Pflanze wird darin hängen bleiben.

Ach Gott ist das schnulzig.

Out: 15:00

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Freischlaf

In: 12:41, 20:38

Als ich heute aus dem Labor kam hatte eine Kollegin es sich auf der Wiese vor dem Institut gemütlich gemacht und schmökerte in ihrem E-Reader in der Sonne. Wir kennen uns auch privat ein wenig. Also begrüßten wir uns und tauschten ein paar Worte, wie das immer so ist. Und weil wir ja beide Doktoranden sind, kamen wir schnell auf die Arbeit zu sprechen. Zumal es ja Wochenende war. Ich erzählte ihr in kurzen Worten von dem was bei mir gerade passiert und sie hat es tatsächlich auch nicht leicht. Schließlich trafen wir uns ja an einem perfekten frühherbstlichen Samstagnachmittag.

Kennt ihr den Moment, wenn ihr gerade etwas gesagt habt und während ihr es sagt der Gesprächspartner signalisiert, dass er eigentlich lieber das Gespräch beenden möchte? Aber das was ihr gesagt habt ist, wenn man einen freundlichen Gesprächspartner hat, mindestens der Beginn für noch einmal fünf Minuten Gespräch. Also man merkt zu spät dass man eigentlich hätte weiter gehen sollen und eigentlich ist es einem ja auch peinlich, weil man sich nicht aufdrängen will. Gut, genug Leute haben dieses Gespür nicht, aber ich habe es sehr stark.

In genau dieser Situation habe ich gemerkt, dass ich jammere. Ich muss immer wieder neu meine Geschichte erzählen, die Ereignisse der letzten zwei Monate erzählen. Da sind zwar immer andere Personen involviert, aber macht es das irgendwie besser?

Ich habe dieses Blog extra gestartet damit ich etwas zum Rumheulen habe, aber hier ist niemand dazu gezwungen es zu lesen. Und niemand muss es weiter verbreiten. Einem Gespräch entkommt man nicht so schnell. Die Menschen, die aufgrund enger zwischenmenschlicher Beziehung oder Verwandtschaft gezwungen sind, mir zuzuhören, beneide ich nicht. Wobei ich auch schon viel Lob bekommen habe, wie gut ich die Situation handhabe.

Den Realitätsabgleich bekomme ich übrigens jeden abend, wenn ich bei meinen Nachbarn vorbeifahre, die unter der Eisenbahnbrücke wohnen. Es gibt, glaube ich, nichts was einen mehr erden kann, als zu wissen dass nur ein paar Meter von der eigenen Wohnung entfernt Menschen im Freien schlafen.

Out: 16:30, 21:38

Einheit

In: 15:39

Anmerkung: Dieses Gespräch fand so ähnlich tatsächlich statt.

Ich erinnere mich kaum an die Wiedervereinigung, ich war damals noch klein und noch nicht mal in der Schule. Aber irgendwann bekam ich bei der Post einen lustigen Sticker mit einem Handschuh drauf geschenkt, der die neuen, fünfstelligen Postleitzahlen bewarb. Wegen der ‘neuen Bundesländer’. Ich hatte von diesen Bundesländern gehört, also so generell, was ein Bundesland ist. Wieso hatte man denn neue gemacht? Verwirrt ging ich zu meinem Vater.

“Papa, was sind denn die neuen Bundesländer?”

“Das sind Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg.”

“Und wieso sind die denn neu? Wo kommen die denn her?”

“Die waren eigentlich schon immer da, nur war Deutschland ganz lange geteilt. In West-Deutschland und Ost-Deutschland. Wir wohnen in Westdeutschland. Die neuen Bundesländer sind im Osten.”

“Wieso hat man Deutschland denn geteilt?”

“Ich hab dir ja mal von dem großen Krieg erzählt. Naja und nach dem Krieg wollten die Gewinner alle etwas von der Hauptstadt Berlin abhaben, weil sie glaubten, ohne ein bisschen von der Hauptstadt hätte man nicht richtig gewonnen. In Berlin saßen aber die Russen. Da haben die Amerikaner den Russen ein bisschen Land abgegeben was sie erobert hatten und bekamen dafür ein bisschen Berlin. Aber als man dann nach dem Krieg wieder ein einzelnes Deutschland machen wollte, aus dem amerikanischen, dem britischen, dem französischen und dem russischen Teil, da wollten die Russen das nicht. Sie wollten ein eigenes Deutschland unter ihrer Kontrolle haben. Die DDR. “

“Und dann?”

“Dann gab es ganz lange zwei Deutschlands. Unsere Bundesrepublik, wo wir frei sind überall hin zu fahren, wählen dürfen wer uns regiert und so weiter. Das war in der DDR nicht so. Die Leute durften in viele Länder nicht reisen und es gab nur eine Partei die man wählen konnte.”

“Und wieso sind die Leute nicht abgehauen?”

“Das wollten ganz viele, aber man hat eine große Mauer gebaut und dann ging das nicht mehr.”

“Also war das wie ein Gefängnis? Das muss ja ganz furchtbar gewesen sein.”

“Nicht ganz so. Die Leute haben ja trotzdem noch geheiratet. Und Kinder bekommen. Die Kinder sind zur Schule gegangen und die Eltern waren arbeiten, so wie hier auch.”

“Aber sie durften nicht selbst bestimmen. Hat sich denn niemand dagegen gewehrt?”

“Das war sehr schwierig. Der Staat hat seine Bürger ganz streng überwacht. Und sie konnten sich nicht einfach so versammeln und einen Protest organisieren. Auch die Zeitungen wurden kontrolliert, man wusste also nie so genau was gerade passierte.”

“Also war es doch ein Gefängnis…”

Sorry, this mind is closed for maintenance.

In: Gar nicht! 😛

Nein, ich habe die Tweets der #om14 nicht genau verfolgt. Das was mir in die Timeline so retweetet wurde war schon bereits genug. Ich beobachte aber diese Diskussionen schon länger. Zum größten Teil auf Twitter. Dieses Gejammer dass die Welt nicht so ist wie die sie gerne hätten. Ich sehe das nur auf Twitter und wurde auch bislang nur dort darauf hingewiesen dass ich Teil jener bin die Welt so schlecht machen. Da witzelt man herum und dann werden einem Worte so verdreht dass es rassistisch ist oder antifeministisch. Denn wenn man es aus diesem oder jenen abstrusen Winkel betrachtet ist es das vielleicht sogar.

Ich halte Nationalitäten und Ethnizitäten für irrelevant, aber ich finde es dennoch lustig dass eine halbindische Freundin von mir lieber Thai-Curry mag. Ich halte Geschlecht in erster Linie für etwas biologisches, witzel aber gerne ‚Ich bin eine Frau, ich kann schlecht einparken‘. Es ist für mich egal, wen und wie ein Mensch liebt, amüsiere mich aber auch gerne mal über einen derben Witz.

Natürlich habe ich Vorurteile! Jeder hat Vorurteile! Auch diese Besserwisser haben Vorurteile! Da ist doch nichts open, da ist doch kein mind! Ich bin mir bewusst, dass ich Vorurteile habe und weil ich mir dessen bewusst bin muss ich nicht darauf hören. Wer bin ich denn über Leute zu urteilen? Es sind nichts weiter als Erwartungen die man hat. Und wenn sie nicht erfüllt werden? So what! Dann waren das meine Erwartungen, aber dieser Mensch ist anders. Er oder Sie ist ja auch ein Individuum. Die Geschichte zu erfahren, weshalb ein jemand so ist wie er ist, das ist doch das Spannende.

Ich kann übrigens sehr gut einparken.

Out: (ich arbeite jetzt noch an meinem Vortrag…)

Non scholae sed vitae

In: 12:11

Nicht allzu selten frage ich mich: Wieso mache ich das eigentlich? Jetzt gar nicht mal meine Versuche an sich. Da könnte ich stunden drüber lamentieren. Aber den phD. Wieso mache ich das? Und gerade in der Biologie.

Als ich einst schrieb, dass ich genau so viel wie eine ungelernte Küchenkraft verdiene löste dass in meiner Twitter-Timeline eine riesen Diskussion aus. Eine ungelernte Küchenkraft hat übrigens auch feste Arbeitszeiten und macht keine inoffiziellen Überstunden oder geht „mal eben“ Sonntagabend „kurz rein um ein zwei Dinge zu tun.“ Zähle ich meine regulären Überstunden zusammmen komme ich auf einen so mickrigen Stundenlohn… Nein, Geld ist kein Motiv. Mich zwingt ja auch keiner, diese Überstunden zu machen. Mich zwingt niemand, am Wochenende meine Zeit in einem fast leeren Insitut zu verbringen und mich um meine Zellen zu kümmern oder, wie derzeit, ganze Versuche zu fahren. Ich mache es trotzdem. Weshalb?

Der große Forschergeist? Der Wissensdurst? Das war vielleicht mal. Daran habe ich mal geglaubt. Dann merkt man, dass man den Großteil der Versuche in die Tonne kloppen kann und oft nicht weiß wieso es nicht funktioniert.

Ich habe in letzter Zeit vor allem gemerkt wie unglaublich anstrengend es ist. Ich habe Laborarbeit früher nie als anstrengend empfunden. Ich habe vor mich hin gearbeitet und während der Versuch inkubierte auch mal ein Tässchen Kaffee getrunken oder ein Schwätzchen gehalten. Jetzt erfordert es so viel kognitive und körperliche Leistung, weil ich so viel gleichzeitig laufen habe, dass ich abends kaum noch in der Lage bin ein entspanntes Gespräch zu führen.

Gerade bade ich also nur aus, was mein vergangenes Ich mir mit seinem Idealismus eingebrockt hat. Gerade laufe ich nur auf das Ziel zu, was ich mir vor dreieinhalb Jahren gesteckt habe. Gerade sind es die letzten Kilometer eines Marathons. Nur ohne Runner’s High.

Out: 20:11

Was muss das muss.

In 14:50; 30 mg Buscopan, 600 mg Ibuprofen, 20 mg Pantoprazol

Es ist weiterhin Wochenende. Sonntag. Draußen regnet es, das macht es etwas angenehmer, auch wenn es die Stimmung drückt. Dann hab ich noch meinen iPod verloren und kurze Zeit gedacht die Welt ginge unter. Ich war nichtmal in der Lage mein Handy korrekt zu bedienen:

Ich habe außerdem die Fibroblasten kurzzeitig ins falsche Medium geschmissen. Das mag aber auch an den Schmerzmitteln liegen. Heute ist ein Tag wo ich gerne in Fötushaltung im Bett liegen geblieben wäre. Aber ich muss ja irgendwie weitermachen.

Den Ipod habe ich wiedergefunden. Der hatte sich nur sehr gut versteckt. Und die Fibros kann man schnell abzentrifugieren, bevor sie überhaupt merken dass sie kein Choleratoxin vertragen. Alles wieder gut.

Out 18:37

Wochenende

In 14:02

Am Wochenende zu arbeiten ist scheiße. Es nervt. Es laugt aus, vor allem wenn schönes Wetter ist. Dann sieht man quasi wie draußen das Leben an einem vorbeizieht.

Aber es ist nicht alles schlecht. Ich stelle mir meistens eine Serie an, oder höre sehr laut Musik. Momentan schaue ich gerne QI, zumindest bei der Laborarbeit an sich. Die ist auf die Dauer eintönig und hirnlos. Man schüttet eigentlich nur Dinge von A nach B. Dann hat man uneingeschränkten Zugriff auf den Süßigkeitenschrank. Nicht dass man sonst nicht auch dort essen könnte, aber das fiele ja auf, wenn man da ständig hingeht. Gerade ist da eine riesige Box Gummizeug. Wobei… da war eine riesige Box Gummizeug.

Out: 18:45