Zeit

Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.

In: 9:15

Ich habe ein neues Verhältnis zur Zeit entwickelt. Ja, es ist gerade alles sehr stressig. Ich habe viel zu tun, meine To Do Liste ist lang, die Taktung hoch.

Aber auf eine gewisse Art und Weise habe ich Zeit.

Normalerweise bin ich viel unterwegs. Es gab Jahre, da war ich fast jeden Wochenende in einer anderen Stadt. die letzten zwei Jahre war das nicht mehr so, aber auch dann waren die Wochenenden meistens schon Wochen vorher ausgefüllt mit Veranstaltungen jeglicher Art. Unter der Woche stand dann viel Sport an, der Chor, andere Erledigungen… irgendetwas war immer und meine Woche war gut gefüllt. Eine Weile lang war das auch zuviel. Jeden abends was anderes, mal hier, mal dort, das ganze Wochenende dann weg, zwischendrin noch Kontakt halten mit Familie und Freunden. Dafür wurde jeder Funken Freizeit genutzt – und das war jetzt auch damals schon nicht so viel. Denn ich habe das Privatleben um meine Arbeit herumgebaut.

Man zieht mich gerne damit auf dass ich kaum Filme kenne. Fakt ist: ich hatte selten Zeit für Filme. Ich nehme mir lieber Zeit für Menschen als für Filme.

Jetzt aber…

Ich habe den meisten Leuten gesagt: „Ich bin jetzt weg. Wenn ihr mich sehen wollt, treffen wir uns zum Mittagessen. Ansonsten sehen wir uns im Januar.“ Wirklich erreichbar – also wirklich, mit „ich schenke dir meine ungeteilte Aufmerksamkeit“ – habe ich für wenige.

Ich komme also abends nach Hause und niemand will etwas von mir. Es ist eh schon zehn, elf, es ist dunkel. Ich stelle mir Serien an, oder Dokus, und lümmel auf der Couch. Wenn mir nichts einfällt was ich schauen kann, schaue ich eine Folge QI, das ist immer gut.

Ich habe Zeit. Ich muss nichts erledigen, weil ich nichts mehr tue was Erledigungen benötigt. Weil ich zu müde bin etwas anderes, etwas sinnvolleres zu tun.

Es ist unglaublich langweilig und ein bisschen einsam.

Aber auf eine gewisse Art und Weise tut es gut.

Out: 21:45

Der Titel ist ein Zitat aus Michael Endes „Momo“.

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10:00

Heute war wieder Rudern. Unsere Trainerin hatte uns letzte Woche gebeten, bitter vereits um 10 Uhr umgezogen anwesend zu sein. Wer zu spät ankommt, solle bitte einen Kuchen backen. Da ich sowieso direkt in Sportklamotten ankomme stieg ich genau um 10:00 von meinem Rad. Wir verteilten die Boote und los ging’s.

Ich mag Rudern. Ich mag die komplexe, sich immer wiederholende Bewegung. Ich mag die Eintönigkeit. Ich mag den Blick vom Neckar hinauf zu Schloss. Interessanterweise macht mich Rudern ein bisschen zu einem anderen Menschen. Ich saß diesmal sehr lange am Steuer weil ich mir mal wieder ein paar Anfänger eingefangen hatte. Ich kenne mich mittlerweile so gut aus mit allen Abläufen, dass ich es mir zutraue, zu kommandieren und zu korrigieren. Es gibt beim Rudern sehr klare Kommandos: „In die Auslage! Blätter stecken! Ruder ab!“ „Bereit machen zur Wende über Back! Und ab!“ „Fertigmeldung aus dem Bug!“ Ich habe dabei einen ganz anderen Ton drauf als sonst und ich behalte diesen bei. „Gerade sitzen! Steu-Skull nicht stricken.“ Ich weise auch die Neulinge zurecht: „Du da, lass dich nicht erwischen wenn du zwischen den Auslegern gehst!“ Das ganze fühlt sich für mich irgendwie fremd an, aber auch richtig. Ich weiß sehr genau was ich warum sage und ich sage es klar und deutlich. Und ein Ort an dem lauter Laien-Ruderer herumwuseln geben klare Anweisungen Struktur. Am Ende war ich zusammen mit einer anderen jungen Frau mit dafür verantwortlich, dass die Boote schnell und ordentlich verladen wurden. Das ist sonst immer ziemlich stressig, weil niemand Initiative ergreift. Aber ich war heute so schön drin, ich machte gleich weiter. „Boot geht hoch, aus den Böcken raus. Wasserseite geht hoch!“

Als alle Boote verräumt waren, fragte mich die Trainerin wer denn nun zu spät gekommen sei. Etwas kleinlaut antwortete ich, dass es genau 10 gewesen sei, als ich ankam. Sie fragte mich um ich umgezogen gewesen sei und ich meinte nur, dass ich immer in Sportkleidung komme. Sie zuckte mit dem Schultern und beließ es dabei. Es gibt da aber so  einen Prinzipienreiter. Der kam extra nochmal auf mich zu. Seine Funkuhr würde ja nun richtig gehen und demnach sei ich zu spät gekommen.

Nein, ehrlich gesagt geht mir das am Arsch vorbei. Ich habe nicht die geringste Lust mich mit der Thematik auseinander zu setzen. Argumentativ ist das eh nicht zu leisten, denn ich habe natürlich keinen Screenshot gemacht um zu beweisen dass ich um 10:00 da war. Ich könnte vielleicht die Tracking Daten von Google vorhalten, aber das wäre es mir gar nicht wert. Ich habe auch ganz generell keim Problem damit, etwas zu backen. Das ist bei mir kein Aufwand. Mich kotzt nur diese Prinzipienreiterei an. Mich kotzt dieser drohende Zeigefinger an. Auf Englisch sagt man „Cut me some slack!“ Das bedeutet so in etwa: „Lass doch mal Fünfe gerade sein.“

Ich schloss also für einen Moment die Augen, atmete tief durch und sagte: „Weißt du, es gibt Wichtigeres auf der Welt.“