Zukunft

Pain lies on the Riverside

Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit einem Ingressspieler, mit dem ich zusammen im Auto saß. Er fragte mich, was ich denn nach meinem Doktor so machen wollte.

Ich druckste ein wenig rum. „Ich überlege, noch einen PostDoc zu machen. Irgendwie fühle ich mich noch nicht so bereit für die große, weite, gefräßige Welt da draußen.“

„Papperlapapp“, sagte er. „Ich bin direkt nach dem Studium bei [*insert IT-Firma here*] eingestiegen. Klar glaubt man am Anfang, man sei noch nicht bereit. Aber dem ist nicht so. Man ist bereit, man weiß es nur nicht.“

Ich glaube, das ist ein weitverbreitetes Phänomen unter Doktoranden. Man war ja immer irgendwie behütet, man war ja immer irgendwie betreut. Mal mehr, mal weniger. Aus der Perspektive des Studenten sieht die Industrie aus wie ein großer Drache, der nur darauf wartet dich zu verschlingen. Und dann ist niemand da, der sich für dich einsetzt.

Vielleicht boomen deswegen diese Traineestellen so. Trainee klingt wie: „Wir nehmen dich nochmal an die Hand. Wir passen schon auf dich auf.“ Aber wie lassen sich Trainee und Doktortitel in Einklang bringen?

Ich glaube, es ist einfach wieder ein Sprung ins kalte Wasser.

Aber wenn du schwimmst wird dir warm.

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Sucht

In: 9:10

Ich habe mich heute arbeitssuchend gemeldet. Am 31.12. läuft mein Vertrag aus, wie genau es dann weiter geht weiß ich noch nicht, daher muss ich mich frühzeitig darum kümmern, dass alles hübsch deutsch-bürokratisch funktioniert. Ich habe ein paar Minuten am Telefon einer launigen Musik gelauscht. Sie sagen einem am Telefon, dass man sich auch online arbeitssuchend melden kann. Während ich also der launigen Musik lauschte, suchte ich online nach der Arbeitssuchendmeldung. Ich fand sie nicht. Mag sein dass es Montag war, mag sein, dass ich mich zu doof anstellte, aber ich konnte sie nicht finden.

Die Frau am Telefon war dann aber auch sehr nett. Sie erwähnte mit keinem Wort, dass ich mich auch online darum hätte kümmern können. Sie fluchte nur ein bisschen über ihr Programm, das zu langsam war. Sie fragte mich ein paar grundsätzliche Dinge. Beruf und derzeitige Arbeit. Ich sagte ich sei „Doktorandin in der Biologie“. Sie suchte ein bisschen. „Doktorandin kann ich hier nicht finden.“ Wir blieben bei Biologin. Eigentlich bin ich ja Zellbiologin – oder so. Man könnte mich auch mit Biomedizinerin rufen, da hätte ich nichts gegen. Molekularbiologin mag ich nicht so gerne. Ich verwende Molbio nur als Tool. Biochemikerin könnte ich auch sein, so ein bisschen, aber ich habe seit fünf Jahren keine Enzymaktivität mehr gemessen. Vielleicht bin ich auch Biotechnologin, das ist mein letzter Abschluss. Wenn Leute die Straße blockieren, weil sie nach einem Auffahrunfall auf die Spurensicherung warten, berufe ich mich auch gerne auf meine Forensikkurse um sie gerechtfertigter Weise zu beschimpfen.

Aber egal was ich bin, ich bin nun arbeitssuchend. Ich bin damit klüger als drei meiner Kollegen, die sich zu spät arbeitssuchend gemeldet haben. Weil sie glaubten – oder glauben sollten – dass es noch weiter geht. Auch ich habe das geglaubt. Mir geht es damit besser als den Doktoranden, die die letzten Jahre auf einem Stipendium gesessen haben. Die dürfen gleich Hartz IV beantragen. Da kenne ich so einige. Trotzdem ist es ein komisches Gefühl, plötzlich auf der Suche zu sein. Bis gestern war man noch zielstrebig, jetzt weiß man nicht mehr, wohin man gehört.

Ach Scheiß drauf! Ich werde Wombatdompteur!

Out: Gleich…

Flaschen sammeln

In 9:00, 600 mg Ibuprofen

In einem Labor darf man nicht essen oder trinken (oder sich schminken oder Fenster öffnen, oder, oder, oder). Daher gibt es bei uns, außerhalb des S2 Bereichs, ein paar Büroräume wo ich kürzlichst einen Schreibplatz bezogen habe. Dort, in einem Aktenschrank, dürfen wir Getränke lagern. Leider wurde das ganze mit der Zeit zu einem Flaschenlagerschrank und am Wochenende habe ich es mir herausgenommen, alle leeren Flaschen zu beseitigen weil es mich einfach nervte. Darunter waren auch zwei Bierflaschen, eine Beck’s Gold mit MHD 2011 und ein angetrunkenes, alkoholfreies Jever. Insgesamt habe ich fast 13 Euro damit verdient und das heute in der Mittagspause meinen Kollegen erzählt.

„Na, wenn du dann nächstes Jahr arbeitslos bist hast du ja deine Karriere gefunden“, meinte die PostDoc.

Und so könnte ich vielleicht die erste promovierte Flaschensammlerin werden. Heidelberg ist, was das angeht, sehr lukrativ. Es ist auf der Neckarwiese gute Sitte, die Flaschen in einem kleinen Haufen liegen zu lassen um es den Sammlern einfacher zu machen. Die meisten sind aber fixer. Insbesondere eine Frau mit Hackenporsche erkennt schon von weitem wenn eine Bierflasche fast leer ist und ist dann kaum zu bremsen. Unter ihren drängenden Blicken muss man nun schnell das letzte Bisschen leeren, ob man will oder nicht.

Schnurstraks begann ich zu üben und versuchte meiner Kollegin die (fast volle) Wasserflasche aus der Hand zu ziehen.

Ich muss noch viel lernen.

Out 20:40